Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 25.04.2016


Film

Die Zähmung eines Clowns

Roschdy Zem erzählt in seinem neuen Film die Geschichte von „Chocolat”, der Ende des 19. Jahrhunderts den Zirkus veränderte, aber nie als Mensch wahrgenommen wurde.

Omar Sy als geflohener Sklave Rafaël Padilla, der als „Chocolat“ die Herzen des Publikums eroberte, doch am Rassismus der Franzosen scheiterte.

© FilmladenOmar Sy als geflohener Sklave Rafaël Padilla, der als „Chocolat“ die Herzen des Publikums eroberte, doch am Rassismus der Franzosen scheiterte.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Den 100. Jahrestag der Französischen Revolution („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!”) als Anlass für die Weltausstellung von 1889 zu wählen, verstanden die europäischen Monarchen natürlich als Provokation, weshalb sie ihren Untertanen die Teilnahme an dem Spektakel untersagten. Immerhin errichteten die Franzosen den Eiffelturm und die US-Amerikaner ließen sich auch nicht lumpen, schickten den Erfinder Edison mit dem Phonographen. William Cody gastierte mit seiner „Buffalo Bill Wild West Show” in Paris. 32 Millionen Besucher lassen ihre Münzen springen, nur Rafaël Padilla (Omar Sy), der es als Clown schon zu einigem Ruhm gebracht hat, meidet die großen Attraktionen und sucht nach dem „Negerdorf”, in dem 400 Farbige den Stolz Frankreichs darstellen sollen. Zu seinem Erstaunen befindet sich Rafaël plötzlich in einem Zoo, der „die Wilden” aus den französischen 18 Kolonien vorführt. Als einer der Wilden wissen möchte, warum er sich auf der anderen Seite befinde, ergreift Rafaël die Flucht, ebenso gut hätte er Buffalo Bills Show besuchen können, wo von der Zähmung der Indianer erzählt wird.

Rafaël hat nicht einmal ein ungefähres Geburtsdatum, da die Kinder von Sklaven nur ab dem Beginn ihrer Arbeitsfähigkeit von Interesse waren. Seine Glückssträhne begann mit dem Verkauf an einen Spanier, dem er entkommen konnte, um als illegales Individuum bei einem französischen Wanderzirkus Zuflucht zu finden. Assistiert von einem Schimpansen, versetzt er in der kleinen Arena gegen Kost und Schlafplatz die Besucher in Angst und Schrecken, bis ihn der englische Clown George Footit (James Thiérrée) wegen seiner Gelenkigkeit als idealen Partner für eine vollkommen neue Form der Zirkusunterhaltung entdeckt. Als Footit & Chocolat tingeln sie durch die Provinzen, bis sich der Einzug in den Palast des Nouveau Circque in Paris nicht mehr verhindern lässt. Rafaël erhält zwar nur die halbe Gage seines Partners, doch selbst damit lässt sich ein luxuriöses Leben führen. Zu denken gibt ihm die Dramaturgie der Auftritte, die das Publikum mit Lachsalven belohnt. Chocolat ist der Dumme, der gutmütig Prügel und Demütigungen einsteckt. Daraus ist der französische Gemeinplatz „Je suis Chocolat” geworden. Devotes Verhalten wird auch außerhalb der Manege erwartet. Schmerzhafter sind die Erfahrungen mit den rassistischen Franzosen. Nach einer Anzeige versuchen Gefängniswärter den illegalen Einwanderer mit Drahtbürsten „weiß zu waschen”.

Rafaël Padilla starb 1917 – zurückgekehrt in einen kleinen Wanderzirkus – an Tuberkulose. 1970 feierte ihn Federico Fellini in seinem Film „I Clowns”, in dem er eine von den Brüdern Lumière gedrehte Zirkusnummer mit Footit & Chocolat, die sich um einen Stuhl streiten, nachstellte.

In „Ziemlich beste Freunde” spielte Omar Sy den Senegalesen Driss, der sich als Krankenpfleger aus den Pariser Banlieues von einem an den Rollstuhl gefesselten Millionär zähmen lässt. Die Produzenten des Films wollten Sy mit einer bescheidenen Gage abspeisen, bis man sich auf eine Gewinnbeteiligung von fünf Prozent einigen konnte. Als der Film 2012 mit 20 Millionen Besuchern zum erfolgreichsten Film nach „Willkommen bei den Sch’tis“ in Frankreich wurde, konnte sich Sy mit acht Millionen Euro aus Frankreich verabschieden. „Monsieur Chocolat” ist auch ein politisches Statement über den Rassismus in der Kinobranche und deren Wohlfühlfilme.

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