Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 08.03.2017


antimortina

Die Schlagerkönigin leistet Überlebenshilfe

„antimortina“, das neue Stück des Tiroler Dramatikers Martin Plattner, derzeit an den Vereinigten Bühnen Bozen zu sehen, ist kunstvoll ins Surreale gekipptes Volkstheater.

Martin Plattners „antimortina“ läuft noch bis 17. März im Neuen Stadttheater Bozen.

© Bernhard AichnerMartin Plattners „antimortina“ läuft noch bis 17. März im Neuen Stadttheater Bozen.



Bozen — Von der Welt abkapseln möchte sich die alte Frau (Ingrid Höller), schließlich hat es diese Welt nicht wirklich gut mit ihr gemeint: Der Mann hat sich totgesoffen, ihre neun Kinder lassen per Lieferdienst Demütigungen ankarren, einen Rollator, ein Zuckermessgerät. Was man auf dem letzten Lebensweg halt so braucht. Der bislang letzte Erniedrigung: Ein Panoramafenster. Dabei währen ihr ein paar Schießscharten lieber gewesen. Nur zu ihrem zehnten Kind (Josef Mohamed) hat die Alte Kontakt. Aber vermutlich hat sie es nur erfunden — um an der eigenen Kopfgeburt Führsorge und Frust ausleben zu können. Ihre Nachbarinnen, eine Witwe (Christine Lasta) und eine Braut (Andrea Haller)— auch sie eher allegorische als reale Figuren — tischen ihr unterdessen Pillen und Gulasch auf. Ihr Glück suchen sie im Exzess vom Almhütten-Apresski, während sich das vielleicht doch reale zehnte Kind von der Schlagerkönigin (Patrizia Pfeifer) Überlebenshilfe erhofft.

„antimortina", das neue Stück des Tiroler Dramatikers Martin Plattner, derzeit an den Vereinigten Bühnen Bozen zu sehen, ist kunstvoll ins Surreale gekipptes Volkstheater — und vielschichtiges Sprachspiel, das Begriffe auf verschiedenste Bedeutungen abklopft.

Um seine volle Wirkkraft auf der Bühne zu entwickeln, braucht es ganz konkreter Bilder. Und die hat Regisseur Alexander Kratzer gefunden: Im 7. Stock des Bozner Stadttheaters nützt er ein echtes Fenster. Drumherum hat Ausstatterin Lisa Überbacher eine Almhütte gebaut. Hundert Zuschauer und die Bühne finden darin Platz. Ein ebenso idyllisches wie klaustrophobisches Setting, das den uneindeutigen Grundton der Vorlage trifft: Selbst schlimmster Schlager kann Lebensübermut stärken, obwohl nicht einmal die Haare der Sängerin echt sind. Um solche Ambivalenzen kreist Plattners Stück. Einfache Erklärungen erlaubt es sich dabei nicht. Aber die Fragen, die es stellt, wirken lange nach. (jole)




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