Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.06.2017


Wiener Festwochen

Muttersöhnchens Mondfahrt

Erster Festwochen-Höhepunkt 2017: Bilderwerfer Jonathan Meese und Komponist Bernhard Lang überschreiben in Personalunion Richard Wagners „Parsifal“.

Wolfgang Bankl als Gurnemanz in Jonathan Meeses und Bernhard Langs „Mondparsifal Alpha 1–8“ bei den Wiener Festwochen.

© Jan BauerWolfgang Bankl als Gurnemanz in Jonathan Meeses und Bernhard Langs „Mondparsifal Alpha 1–8“ bei den Wiener Festwochen.



Von Bernadette Lietzow

Wien – „Entmitläufert Euch, bitte!“ ist eine der Forderungen Jonathan Meeses zu Beginn seiner Begegnung mit „Parsifal“, Richard Wagners letzter Oper, die dieser als „Bühnenweihefestspiel“ ausschließlich am Aufführungsort Bayreuth einzuzementieren gedachte. Dort sollte der Künstler im vergangenen Jahr das Werk zur Aufführung bringen, was bekanntlich schon 2014 aus vorgeschobenen finanziellen Gründen scheiterte.

Ein Glück für die Wiener Festwochen und ein unvergessliches Musik-Theater-Ereignis für das Publikum, das sich in den Bilder-, Wort- und Klangwelten, die Meese und der österreichische Komponist Bernhard Lang so klug wie berückend erschaffen haben, verlieren kann. Vier Stunden bebt das Theater an der Wien, schwebt, schwingt und zuckt, radikal wie ergreifend in Bild und Ton, auf den Spuren von Richard Wagners Heils­geschichte des „tumben Toren“ Parsifal.

Mondparsifal Alpha 1–8 (Erzmutterz der Abwehrz) nennt der sich gerne zum „Muttersöhnchen“ stilisierende Universalkünstler Meese seinen Ritt über den Grünen Hügel. Eine Humpty-Dumpty-Figur am Bühnenrand trägt, gleichsam als Schutzengel, Mutter Brigittes Konterfei. Nach der Ouvertüre, die Bernhard Lang, wie seine gesamte Parsifal-Neukomposition, entlang der Harmonie-Linien von Wagners Klangstrukturen führt, gibt der Vorhang den Blick frei auf eine an Caspar David Friedrichs „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ erinnernde Szenerie mit Rückenfigur, die sich als Kundry (Magdalena Anna Hofmann) im Gewand Richard Wagners entpuppt. Dunstig verschwommene Formen, ein­e riesenhafte Stele mit der Aufschrift „Demut“ und ein gewaltiges Kühlschrank-Etwas stellen die durch den Verlust des Grals aus den Fugen geratene Welt der Rittergemeinschaft dar, in der Gurnemanz (Wolfgang Bankl in Meese-typischer schwarzer Adidas-Jacke), die unglückliche Kundry und der mit einer unstillbaren Wunde geschlagene Amfortas (Tómas Tómasson) eines Erlösers harren.

Dieser, Meeses „Parzefool“, erobert in Gestalt des sängerisch wie darstellerisch ungemein wendigen Countertenors Daniel Gloger die Bühne, in jenem knallrot-knappen Höschen, in dem Sean Connery 1974 als „Zardoz“ Furore machte. Der böse Klingsor (Martin Winkler), erst Sensen-Elvis, dann Kuscheltiermeuchler, dirigiert die Blumenmädchen, bunthaarige Manga-Girls in Schuluniform, und bewohnt die übermächtige Weidenpuppe, die als Opferstätte im Horror-Film „The Wicker Man“ (1973) für schlechte Träume sorgte. Sie dient als Hintergrund, vor dem Kundry und Parsifal, Hofmann und Gloger, in ihrem verzweifelten Suchen für ungeheuer eindrückliche Gesangsmomente sorgen.

Dramaturgisch interessant, den großartigen Sängern gegenüber nur etwas ungeschickt, da diese vor der Leinwand optisch fast verschwinden, sind Szenen aus Fritz Langs „Nibelungen“-Epos, bevor der nunmehr glitzergoldene Parsifal die Erwartung auf Einsicht und Errettung einlöst. Meeses Botschaften, an den Seiten rot-leuchtend eingeblendet, künden von dessen leidenschaftlicher Nähe und zugleich Überwindung von „Richarddaddy“ (so eine Notiz im Arbeitsheft des Künstlers), während des Szenenumbaus interveniert er über Projektionen direkt aus der Parterreloge.

Simone Young, die in ihrem Dirigat die große Wagner-Erfahrung mit der spürbaren Lust an der mit Elementen aus Jazz und Elektronik angereicherten Partitur wundervoll dicht verwebt, das Klangforum Wien und der Arnold Schoenberg Chor ernten ebenso jubelnden Beifall wie Komponist Bernhard Lang und Jonathan Meese, der „Kunstberserker“, der den gefühlten drei Buhrufern ein paar Boxhändchen zuwirft.

Jonathan-Meese-Werkschauen zeigen derzeit die Wiener Galerie Krinzinger und das KHM.