Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 09.06.2017


Bühne

Zug um Zug hinaus in die Welt

Überzeugend: „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ in den Innsbrucker Kammerspielen.

Bestechende Schauspielleistungen: Christoph Schlag und Sara Nunius in „Supergute Tage“.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: TLT/Larl</span>

© Bestechende Schauspielleistungen: Christoph Schlag und Sara Nunius in „Supergute Tage“.Foto: TLT/Larl



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Christopher lebt in einer eigenen Welt. Aber, ganz ehrlich, wer tut das nicht? Die Züge sind voll mit Kopfhörer-Menschen, die auf Displays starren. Wenn hingegen Christopher Zug fährt, schaut er aus dem Fenster. Und weiß schon nach einem flüchtigen Blick, wo wie viele Kühe stehen. Im vorbeihuschenden Gras macht er verschiedenste Grünschattierungen aus. Selbst von der genauen Anzahl der Häuschen am Horizont und 28 weiteren Details weiß er zu berichten.

Das eigentlich Spektakuläre allerdings ist, dass Christopher überhaupt im Zug sitzt. Der Bub ist eine Inselbegabung, hat wohl – auf eine nähere Diagnose wird verzichtet – Asperger und eine Mission: Er sucht einen Hundsmörder und seine Mutter. Die nämlich hat sich aus dem Staub gemacht – und wurde vom Vater für tot erklärt. Eine Lüge, die den Vater auch in Sachen toter Hund in Nachbars Garten ziemlich verdächtig macht.

Mark Haddons Roman „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ erschien 2003 – und wurde schnell zum Bestseller. Der vielfach ausgezeichnete britische Dramatiker Simon Stephens hat den Stoff für die Bühne adaptiert. 2015 erhielt die Broadway-Produktion von „Supergute Tage“ insgesamt fünf Tony-Awards, darunter die Auszeichnung als bestes Stück des Jahres. Es sind große Themen, die das Stück verhandelt: Heranwachsen, Fremdheitserfahrungen, Vertrauensverlust, Überforderung, Klatsch und höhere Mathematik. Daraus kein Rührstück, sondern eine kluge Komödie zu machen, scheint zunächst einmal eine Gleichung mit bedrohlich vielen Variablen.

Doch auch in den Innsbrucker Kammerspielen geht sie auf: Fabian Kametz inszeniert mit einfachsten Mitteln, Christophers ganz eigene Weltwahrnehmung etwa wird als Schattenspiel veranschaulicht. Erst nach und nach gewinnen die Menschen, denen er näherkommt, an Kontur, erhalten ein wiedererkennbares Gesicht und eine eigene Stimme. Durchaus effektiv sind auch szenischen Lösungen, denen in der aktuellen Kammerspielstätte in der Messe bisweilen enge Grenzen gesetzt sind. Ausstatterin Anke Drewes arbeitet mit mobilen Elementen und Leinwänden, die immer neue Räume schaffen. Dazu kommen drei vielseitig verwendbare Telefonzellen englischen Stils, deren roter Lack – so viel sei verraten – auch eine dramaturgische Funktion hat.

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Denn Rot ist für Christopher die wohl wichtigste Voraussetzung, dass etwas „supergut“ werden kann. Christoph Schlag liefert in der Hauptrolle eine bestechende Leistung ab. Ohne großes Chargieren und – vor allem – ohne irgendwelche „Rain Man“-Mätzchen trägt er das Stück. Sein tastender Weg hinaus in die Welt gerät nie zur Krankheitskarikatur, sein Staunen, Zürnen und Zaudern sind so wahrhaftig, dass man im Publikumsraum mitstaunt, -zürnt und -zaudert.

Auch Schlags Mitspieler überzeugen: Stefan Riedl ringt als Vater sichtlich mit sich und seiner Aufgabe, allezeit die Ruhe zu bewahren. Sara Nunius berührt als Mutter, die sich um die Wiederannäherung an ihren Sohn bemüht. Ulrike Lasta gelingt ein feines Porträt einer hochprofessionellen und doch liebevollen Schulpsychologin und Antje Weiser und Gerhard Kasal sorgen in gleich mehreren Rollen – vom versoffenen Fußballfan mit glücklicherweise rotem Schal über verschiedene Ordnungshüter bis zum Bankomatschalter – für supergute Stimmung. Beinahe könnte man vergessen, dass es da auch noch einen hundsgemeinen Hundemörder geben muss.




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