Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 22.07.2017


Bühne

Göttlicher Blick

auf unsere Welt

Die Bregenzer Festspiele zeigen im Festspielhaus eine eindrucksvolle Produktion von Gioacchino Rossinis tragisch-sakraler Oper „Mosè in Egitto“.

Osiride (Sunnyboy Dladla) und Elcia (Clarissa Costanzo) in Rossinis "Mose in Egitto".

© Bregenzer Festspiele/ForsterOsiride (Sunnyboy Dladla) und Elcia (Clarissa Costanzo) in Rossinis "Mose in Egitto".



Von Ursula Strohal

Bregenz – Das Figurentheater erlebt einen eigenwilligen Aufschwung in der Erwachsenenwelt. Die niederländische Regisseurin Lotte de Beer, in Wien mit Bizets „Perlenfischern“ und einer jungen „Traviata“ erfolgreich, brachte nun aus ihrer Heimat das Figurentheater-Kollektiv „Hotel Modern“ zu den Bregenzer Festspielen, um gemeinsam die diesjährige Hausoper, Gioacchino Rossinis „Mosè in Egitto“ (Moses in Ägypten), grandios zu bewältigen. Die oratoriumnahe „tragisch-sakrale Handlung“, die von den ägyptischen Plagen, dem Exo­dus der in Ägypten versklavten Israeliten und von Wundern wie der Spaltung des Roten Meeres erzählt, bedarf der medialen Unterstützung. „Hotel Modern“ aber hat mehr zu bieten als die Hilflosigkeit von chorischem Treppenlauf und barockem Bibelkitsch.

Die niederländischen Puppenspieler zeigen nicht weniger als einen göttlichen Blick auf unsere Welt. Christof Hetzer, Salzburger Bühnen- und Kostümbildner, hängt eine Riesenkugel in die Wüstenlandschaft, die sie mittels filmischer Übertragung live bespielen. Sie bewegen kleinste Puppen mit dünnen Gliedmaßen, großen Köpfen und roh geformten, deshalb umso eindringlicheren Gesichtszügen. Aus einfachsten Materialien werden Architekturen und Alltagsgegenstände hergestellt, die Kamera durchwandert zerstörte Städte, zeigt Kriegsgräuel wie Feuer, Folter, Vergewaltigung. Das hat nichts Spekulatives, ist nur tief berührend, weil es biblische Ereignisse, die die Oper mit Menschen erzählt, über den Weg der Puppenabstraktion auf die gegenwärtige Aktualität hebt.

Lotte de Beer geht es um die Auswirkungen von Macht, menschlicher und göttlicher. Sie bindet die Puppenspieler, die sich in Alltagsklamotten völlig natürlich bewegen und ihre Szenen en miniature vorbereiten, in die Inszenierung ein, was die Kostümierten, Herrscher, Volk oder Sklaven, in der Beschränktheit ihrer Existenz betont – im Grunde sind sie Marionetten. Die Figürchen zeigen, wovon in der Oper nur gesprochen werden kann, ihr dekorfreies Sein ist wahrhaftig. Die drei Spieler werden zu den Weltlenkern, erproben offen den tödlichen Blitz und die Wasserfluten. Manchmal greifen sie, wenig erfolgreich, gestaltend in die Menschengruppierungen ein, manchmal schauen sie einfach zu.

Alex Broks Lichtgestaltung spielt eine große Rolle, und Lotte de Beer hat auch noch mit den Beziehungskisten am ägyptischen Hof zu tun. Moses, den Goran Juric´ charaktervoll-zurückgenommen mit seiner Prachtstimme singt, zeigt sie nicht als Herr der Wunder, sondern in der Unerschütterlichkeit seines Gottvertrauens. Der Pharao – Andrew Foster-Williams – ist wankelmütig, sein Sohn und Thronfolger Osiride darf in Gestalt des stimmlich engmaschigen Sunnyboy Dladla tenorale Hysterie und damit Ironie ins Spiel bringen. Durch die Frauen dringt Seelenvolles ans Ohr: Mandy Fredrich ist Pharao-Gattin Amaltea, Clarissa Costanzo, im ähnlichen Zwiespalt wie später Aida, die Elcia, Dara Savinova mit feinem Timbre die Amenofi. Dazu kommen Matteo Macchiono als Aronne, Tylan Reinhard als Mambre und ganz wesentlich der großartige Prager Philharmonische Chor.

Die Wiener Symphoniker geben dem Dirigenten Enrique Mazzola mit feinen Soli in allen Forderungen nach, zu befürchten ist aber, dass Rossini von der optischen Übermacht bedrängt wird.