Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.09.2017


Wien

Oh du mein Österreich unter dem Posaunenengel

Ziemlich exakte Punktlandung zum Auftakt der Saison: Ernst Lothars Roman „Der Engel mit der Posaune“ in der Josefstadt.

© APA



Wien – Als „Graues Haus“ wird von den Wienern die Justizanstalt Josefstadt bezeichnet, gerichtliches Gefangenenhaus und in der NS-Zeit grausige Hinrichtungsstätte von Regimegegnern. Unweit davon hat Bühnenbildnerin Karin Fritz im Theater in der Josefstadt ein wirklich graues Haus erbaut, das Heim der Klavierbauerdynastie Alt, das für die Bewohner durchaus mit einem unvergleichlich luxuriösen Gefängnis assoziiert werden kann.

In diesem schlichten, aber umso aussagekräftigeren Raum wird über die Geschichte einer Familie vom Untergang einer Welt erzählt, der man nur naiv das Schild „gute alte Zeit“ umhängen kann. Susanne F. Wolf verantwortet die Dramatisierung der am Samstag vom Premierenpublikum mit großem Beifall aufgenommenen Uraufführung von Ernst Lothars 1944 im Exil verfassten Roman „Der Engel mit der Posaune“.

Ihrem unsentimentalen Blick auf diese an Eckpunkten österreichischer Vergangenheit – vom Selbstmord Kronprinz Rudolfs, dem Attentat in Sarajevo, dem Ersten Weltkrieg, Februar 1934 bis zum Anschluss an Nazi-Deutschland – andockenden Saga verdankt sich ein wohltuend klarer Theaterabend. Dem man einzig im langen Schlussplädoyer des Sohnes und NS-Widerstandsaktivisten Hans Alt (überzeugend: Alexander Absenger) in Hinblick auf real existierende Bezüge zum Heute mehr dramaturgischen Zugriff gewünscht hätte.

Bemerkenswert in diesem Stück, dessen Rückgrat das einander über ihre lange Ehezeit streckenweise nur durch Disziplin geeinte Ehepaar Henriette (Maria Köstlinger) und Franz (Michael Dangl) darstellt, ist die bemerkenswert geschlossene Ensembleleistung. Nicht nur Köstlinger und Dangl stellen in all ihrem Hadern, in ihren Zweifeln und ihrer unabdingbaren Härte greifbare Charaktere auf die Bühne. André Pohl beeindruckt als Franz’ lernfähiger Beamten-Bruder ebenso wie Alma Hasun als Künderin eines neuen Frauenbildes und Hans’ jüdische Ehefrau, die dem früh von der NS-Ideologie infizierten Schwager Hermann (beängstigend: Matthias Franz Stein) zum Opfer fällt. Marianne Nentwichs gestreng-humorvolle Zeichnung der Ahnin Sophie oder Johannes Seilerns Diener Simmerl geraten in der klugen und behutsamen Regie von Janusz Kica trotz „Nebenrollen“ äußerst präzise. Die zurückhaltend-eindringliche Bühnenmusik von Kyrre Kvam vervollständigt diese gelungene Inszenierung. Sehenswert. (lietz)