Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 17.10.2017


Bühne

Wozzeck implodiert im Druckkochtopf

Im Theater an der Wien fährt einem Bergs „Wozzeck“ trotz kleinerem Orchester in Mark, Bein und Ohren.

© APA/KmetitschDer Militär Wozzeck auf dem Weg in den Freitod: Florian Boesch als vom unausweichlichen Schicksal gezeichnete Kreatur.



Von Stefan Musil

Wien – „Wozzeck“ hat immer Saison. Das hat man sich auch im Theater an der Wien gedacht. Man bediente sich dabei einer orchestral reduzierten Bearbeitung von Eberhard Kloke, denn in originaler Fassung würde „Wozzeck“ das kleine Opernhaus wohl sprengen.

In Wien, an der Staatsoper, war dieses Schlüsselwerk der Moderne zuletzt 2014 für drei Vorstellungen zu sehen. Also ist es löblich, dass das Theater an der Wien dieses Vakuum durch ein paar Aufführungen füllt. Mit Robert Carsen für die Inszenierung ging man dabei auf Nummer sicher. Er war ein wichtiger Regisseur in der Staatsopern-Ära von Ioan Holender. In den letzten Jahren ist das Theater an der Wien sein Wiener Stammhaus geworden, wo er zuletzt mit Barockem Erfolge einfahren konnte. Eine routinierte Regiehand beweist er auch mit „Wozzeck“. Wobei sich seine Inspiration diesmal durchaus in Grenzen hält. Carsen und sein Bühnenbildner Gideon Davey verfrachten den Soldaten Wozzeck in eine Camouflage-Hölle. Alles ist in der militärischen Fleckigkeit gemustert. Die zwei stark nach hinten fluchtenden Seitenwände ebenso wie die Vorhänge, die, dazwischen gespannt, auf- und zugezogen, schnelle Szenenwechsel ermöglichen und immer wieder neue Räume öffnen. Bergs Büchner-Vertonung scheint dabei auf eine US-Militärbasis irgendwo im Nahen Osten verlegt. Hier ist Wozzeck ein Gefangener der Umstände, ein wie alle anderen psychisch schon schwer angeschlagener Mensch. Genauso wie seine an der Nadel hängende Marie. Die zeichnet Carsen als ehemalige Prostituierte, die sich dem Tambourmajor nur für Geld an den Hals wirft. Wozzeck schneidet ihr dafür dann die Kehle durch. Kalt, emotionslos.

Carsen entwirft in dieser grünbraungrauen Tristesse ein brav ablaufendes Spiel, in dem lauter gebrochene Figuren, in ihren Schicksalen unerbittlich gefangen, ihre Bahnen ziehen. Das ist solides Musiktheater. Aber nicht mehr. Zusätzlich ist der Abend musikalisch unter Dauerhochdruck gesetzt. Bergs Musik darf trotz reduzierter Orchestrierung vor allem laut und mit Nachdruck in den Zuschauerraum fahren. Dirigent Leo Hussain hat am Pult der ausgezeichnet spielenden Wiener Symphoniker alles sehr fest im Griff. Er knallt einem Berg im kleinen Theaterraum nur so um die Ohren. Der schauspielerisch intensive Florian Boesch hinterlässt als Wozzeck den stärksten Eindruck. Auch sind der Doktor mit Stefan Cerny, der Tambourmajor mit Aleš Briscein und Andres mit Benjamin Hulett ordentlich besetzt. John Daszak zeigt dagegen als Hauptmann arge Stimmprobleme und auch die Marie der Lise Lindstrom klingt hart und schrill. Sie alle stehen eineinhalb Stunden unter Hochspannung. Das ist bald ermüdend. Bergs Musik darf auch sinnlich sein, gesanglich, weniger angestrengt und laut generiert klingen.