Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 18.11.2017


“Professor Bernhardi“

Wehleidige Sieger und deren Opfer

Arthur Schnitzlers beängstigend gegenwärtige Komödie „Professor Bernhardi“ als bedächtiger Herrenabend an der Josefstadt.

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© APA



Von Bernadette Lietzow

Wien – „... ein Jud sollte das doch nicht schreiben“, meinte Felix Salten, als Arthur Schnitzler ihm aus seinem neuen Stück „Professor Bernhardi“ vorlas. Man schreibt das Jahr 1912 und die dunkelgraue „Komödie in fünf Akten“ wird im offen antisemitischen k. u. k. Wien nie gezeigt werden. Karriere machte das Stück im geschickt mit dem Opfermythos jonglierenden Nachkriegsösterreich. Seit vergangenem Donnerstag zeigt die Josefstadt Schnitzlers Meisterwerk: das infame Intrigenspiel, das den jüdischen Klinikvorstand Professor Bernhardi zu Fall bringt und mit jedem Satz das österreichische (?) Lied von Opportunismus, Heuchelei und Ausgrenzung singt. Nur leider in dieser Inszenierung in falschen Tönen.

Regisseur Janusz Kica, dem die Josefstadt mit Ernst Lothars „Der Engel mit der Posaune“ einen glänzenden Saisonstart verdankt, hat ein Personal von neunzehn großteils hervorragenden Schauspielern zur Verfügung, von Herbert Föttinger, Florian Teichtmeister, Michael Dangl, Christian Nickel, Michael König bis zu Bernhard Schir, zwingt diese aber – so hat es über die drei Stunden Spiel den Anschein –, ihre Charaktere möglichst eindimensional zu gestalten. Fatal für ein Stück, das in seinen Figuren und mit seinen bitteren Pointen derart in unsere Zeit passt, dass einem kalte Schauer über den Rücken laufen könnten – wenn sich das, was auf Karin Fritz’ nüchterner Klinik-Bühne vorgeht, vermitteln würde.

Hausherr Föttinger ist ein sehr eleganter, der Rolle jedoch seltsam distanziert gegenüberstehender Bernhardi. Auch Florian Teichtmeister als Ebenwald, Bernhardis Gegenspieler und ein die Diffamierungs-Klaviatur perfekt beherrschender Karrierist, hat wenig Entfaltungsmöglichkeit. Restlos verloren ist Matthias Franz Stein als Pfarrer Reder, grundsätzlich eine unglaublich genaue Figur, in der Schnitzler die Bandbreite klerikaler Scheinheiligkeit aufzeigt. Erfreulich, dass Christian Nickel aus der nicht wirklich markanten Herrenrunde hervorsticht und einen überzeugend herablassenden Dr. Filitz vorstellt. Große Verdienste um den Theaterabend erwirbt sich jedoch Bernhard Schir: Sein Professor Flint, der ehemalige Bernhardi-Freund und Arzt, der es zum Minister gebracht hat, weist mit jedem jovialen Lacher, der punktgenau getroffenen Abschätzung, wo zu treten oder wo zu buckeln ist, und der nur notdürftig maskierten Eiseskälte den Zugriff auf, den Schnitzlers Stück verlangte.

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