Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 05.12.2017


Bühne

Bergs Kindfrau im Glück

Mit der um den dritten Akt erweiterten Neueinstudierung von Bergs „Lulu“ in der Regie von Willy Decker landete Wiens Staatsoper einen großen Erfolg.

© WIENER STAATSOPER GMBHAnfänglich noch etwas zurückhaltend, später dann überzeugend verführerisch: Agneta Eichenholz als Lulu.Foto: Staatsoper/Pöhn



Von Stefan Musil

Wien – Vor der Wiener Staatsoper findet sich zwischen Tiefgarageneinfahrt und U-Bahn-Abgang seit Kurzem ein wenig gelungenes Denkmal für Alban Berg und die Zweite Wiener Schule. Allerdings scheint es geholfen zu haben. Denn die Staatsoper hat als ihre zweite Saisonpremiere Bergs „Lulu“ nach langer Pause wieder angesetzt. Das Werk stand zuletzt 2005 auf dem Spielplan. In jener Inszenierung, die man auch jetzt wieder erleben kann. Der Regisseur Willy Decker hat sie ursprünglich 1998 für Paris geschaffen. Dort in der dreiaktigen Fassung. Denn Berg starb bekanntlich, bevor er seine „Lulu“ fertigstellen konnte. Fast dem gesamten dritten Akt fehlte die Instrumentierung. Die holte später Friedrich Cerha nach.

2000 übersiedelte dann Deckers Pariser Inszenierung nach Wien. Allerdings ließ man damals den dritten Akt weg. Das holte die Staatsoper jetzt nach und studierte die dreiaktige Version von Deckers Inszenierung neu ein.

Eine vielleicht pragmatische, aber dennoch durchaus überzeugende Entscheidung. Denn Willy Deckers Produktion konnte sich über die fast 20 Jahre ihre Qualitäten bewahren. Sie ist immer noch gültig, sehr schlüssig, nach wie vor ungemein stimmig. Decker holt in der wunderbaren Ausstattung von Wolfgang Gussmann, die ebenfalls nicht gealtert scheint, Wedekinds Kindfrau Lulu wieder in die Arena und setzt sie in der Manege der Jagd durch die geile, gierige Männerwelt aus. Mit dem Rücken zum Publikum, die Beine gespreizt, in rotes Licht getaucht, sitzt sie auf einer Leiter und zeigt den gierigen Blicken der Männer, die auf den Stufen über dem hölzernen Arenen-Halbrund lauern, ihre Scham. Mit diesem Prolog, in dem der Tierbändiger „Wollust und Grauen“ verspricht, geht die Hatz los.

Eine, in der Decker seine Singschauspieler präzise führt, und auf diesen zwei Ebenen, unten, in der Arena, oben, auf den Zuschauerstufen, von wo die Sänger immer wieder über lange Leitern in die Kampfzone hinabsteigen müssen, beeindruckende und sinnfällige Bilder schafft. Auch musikalisch gibt sich die Staatsoper mit dieser neuen alten „Lulu“ keine Blößen. Es ist ein Vergnügen, wie Ingo Metzmacher gemeinsam mit dem großartig spielenden Orchester in den ersten beiden Akten einen wunderbar sinnlichen, herrlich verführerischen, dabei so präzise wie luzide klingenden Orchesterklang erzeugt, um auch danach in der härteren, kompakteren orchestralen Gangart Cerhas zu brillieren. In der Titelrolle gibt Agneta Eichenholz ihr Hausdebüt. Zunächst noch etwas zurückhaltend kann sie sich zu überzeugendem Format steigern, hat die passende Beweglichkeit und Höhesicherheit in ihrer Stimme, und die kühle Laszivität im Körper, um diese kaum greifbare Figur auf die Bühne zu bringen. Ihr jagt am Ende Bo Skovhus als Jack the Ripper den Dolch in den Leib, der davor schon als ihr scharf umrissener Langezeitliebhaber Dr. Schön beeindrucken konnte. Angela Denoke, die erstmals die Gräfin Geschwitz singt, versteht es grandios, aus ihren kurzen Szenen höchst prägnante Momente zu generieren. Franz Grundheber, der Dr. Schön der 2000er-Premiere, macht jetzt als Schigolch großen Eindruck. So wie auch Jörg Schneider in den Rollen von Maler und Neger, Herbert Lippert als Alwa, Wolfgang Bankl als Tierbändiger und Athlet sowie all die anderen Ensemblemitglieder rundum überzeugen können. Am Ende gab es verdienten Jubel für eine empfehlenswerte Produktion.