Letztes Update am Mo, 22.01.2018 10:18

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Thomas Maurer im Gespräch: Ein Blick zurück in die Zukunft

Wie geht Toleranz? Mit dieser Frage stellt sich Thomas Maurer dem Publikum, während er zumindest vorgibt, ein „Tolerator“ zu sein. Dass das mit dem Tolerieren aber gar nicht so einfach ist, zeigt Maurer im TT-Gespräch.

In Innsbruck gab Thomas Maurer noch mal den „Tolerator“, demnächst wandelt er mit den „Blutsbrüdern“ auf den Spuren von Karl May.

© Foto Rudy De Moor / TTIn Innsbruck gab Thomas Maurer noch mal den „Tolerator“, demnächst wandelt er mit den „Blutsbrüdern“ auf den Spuren von Karl May.



Innsbruck – Mit dem „Tolerator“ hat Thomas Maurer vor zwei Jahren ein Programm entwickelt, das nicht nur brisante Fragen stellt, sondern auch (vermeintliche) Anweisungen zum Tolerantsein liefert. Ausgezeichnet wurde er dafür unter anderem mit dem Österreichischen Kabarettpreis 2016. Letzte Woche eroberte Maurer anlässlich des Forums Migration als „Tolerator“ im Tiroler Landesmuseum die Bühne. Die TT hat ihn im Anschluss zum Interview getroffen.

Wie war es, das alte Programm wieder zu spielen?

Thomas Maurer: Es war sehr ungewohnt. Ich brauchte einige Tage, um es mir wieder ins Gedächtnis zu klopfen, zuletzt hatte ich es Mitte Oktober aufgeführt und dazwischen zwei Premieren gespielt. Vorher habe ich das Programm allerdings 187-mal gespielt, allein im Stadtsaal in Wien über 40-mal, die Gags kommen also schon wieder zurück. Gut, dass die Zugfahrt zwischen Wien und Innsbruck relativ lang ist.

Funktioniert das Programm noch?

Maurer: Absolut. Es müsste jetzt allerdings – dank der neuen Regierung – neu adaptiert werden.

Weil das Thema in diesem Kontext auf eine neue Probe gestellt wird?

Maurer: Ganz richtig. Das Thema und auch die Einforderung von Toleranz werden wir wohl doch nicht so schnell loswerden. Auch weil Toleranz das deklarierte Feindbild zumindest von Teilen der Regierung ist. Ich glaube, da kommen ein paar interessante Auseinandersetzungen auf uns zu.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, sich mit Toleranz auseinanderzusetzen?

Maurer: Mich hat das Thema gereizt, weil der Begriff eigentlich ein sehr widersprüchlicher ist. Er wird immer unschärfer, je näher man sich damit beschäftigt. Immerhin steckt ja durchaus auch etwas Gönnerhaftes hinter Toleranz, der Begriff vermittelt eine Art Hierarchiegefälle von den Tolerierenden zu den Tolerierten und so weiter. Auf viele Fragen fand ich keine eindeutigen Antworten, das ist für mich guter Kabarettstoff. Es ist nämlich zweifelsfrei interessanter, an so einem Abend ein paar interessante Fragen aufzuwerfen, als viele uninteressante Antworten zu liefern.

Im Programm verraten Sie es ja bereits: Sie reagieren intolerant auf Dummheit. Was treibt Sie sonst zur Weißglut?

Maurer: Ich reagiere auch intolerant gegenüber dem Umstand, dass Angst und Hass heute zu Tugenden erklärt werden. Und jeder, der sich diesen Emotionen nicht beugt, ist kein echter Österreicher. Diese Einstellung funktioniert in einigen Ländern ganz gut, die Gesellschaft wird gespalten und man schafft es, mit Emotionen, auch wenn sie faktisch nicht gedeckt sind, mehr als der Hälfte der Menschen den Eindruck zu geben, man agiere eh in ihrem Sinne. Mit einer solchen polarisierten Gesellschaft lässt sich gut Macht ausüben. Ein so offensichtlicher Idiot und Betrüger wie Donald Trump wäre ohne diese über Jahre vorbereitete Polarisierung der Gesellschaft schließlich niemals in ein Regierungsamt gekommen.

Bieten diese offensichtlichen Missstände aber nicht wenigstens Steilvorlagen für das Kabarett?

Maurer: Auf diesen Stehsatz antworte ich gerne mit einem Stehsatz: Wenn das so wäre, müsste es in Nordkorea besonders gutes Kabarett geben. Und davon hört man eigentlich nichts.

Wie grenzen Sie sich mit Ihren Programmen von den Kollegen ab?

Maurer: Ich glaube, das muss man gar nicht so. Wenn man seine Form gefunden hat, was bei mir zum Beispiel auch heißt, meine Programme formal sehr unterschiedlich zu gestalten, wenn man nicht nur versucht, mit sehr kommerziellen Themen auf Nummer sicher zu gehen, dann wird man Resultate erzielen, die andere nicht erreichen. Interessant wird es dann, wenn ich mit Kollegen zusammenarbeite. Wenn wir gemeinsam schreiben, bei den Staatskünstlern etwa mit Scheuba und Palfrader, entsteht etwas, das keiner von uns dreien in dieser Form alleine gemacht hätte. Ich mag diese Abwechslung: zuerst solo spielen und dann wieder im Team arbeiten.

In einem neuen Team, den Blutsbrüdern, treten Sie demnächst auch im Treibhaus auf.

Maurer: Das hat sich zufällig so ergeben. Die Keimzelle war wohl ein Interview, das ich gemeinsam mit Armin Wolf gab, weil wir beide Kinder dieser wahrscheinlich letzten Karl-May-Generation sind und die Bücher liebten. Mein ältester Sohn – inzwischen 23 – hat den „Schuh des Manitu“ noch vor den Karl-May-Filmen gesehen, geschweige denn, dass er sich die Romane angetan hätte. So haben wir zu diesem Thema ein Projekt entwickelt, das vor allem interessant ist, weil wir so unterschiedliche Charaktere sind, die vordergründig wenig verbindet: Armin Wolf, Guido Tartarotti, Thomas Glavinic und ich sind ja eigentlich nur eine ähnliche Altersklasse, uns schweißt aber diese schräge Vorliebe für Karl May zusammen. Bereits im Zuge der Recherche kamen wir zum Ergebnis: Die Wiederlektüre der Karl-May-Romane als Erwachsener tut der Erinnerung an die Bücher nicht so gut. An diesem Abend versuchen wir uns also dieser bizarren, aber dadurch auch interessanten Figur Karl May zu nähern. Das Schwierigste an alledem war, Termine zu finden, an denen alle vier Zeit haben.

Gibt es noch jemanden, mit dem Sie gerne zusammenarbeiten wollen?

Maurer: Ja, vielleicht mit Martin Scorsese, wenn er mal Zeit hat. (lacht)

Man weiß ja nie, was die Zukunft bringt – oder erfahren wir das in Ihrem neuen Programm „Zukunft“?

Maurer: Im neuen Programm versuche ich mich zumindest der Zukunft zu nähern. Ich beschäftige mich damit, dass in Zukunft 40 Prozent der Jobs wegfallen werden, dass künstliche Intelligenz unsere Welt verändern wird und wir diese gar nicht mehr erfassen werden. Das sind alles Dinge, über die es interessanterweise keinen politischen Diskurs gibt. Im letzten Trottelwahlkampf ging es schließlich hauptsächlich darum, wer welche Route zuerst geschlossen hat. Gleichzeitig stehen wir aber vor den massivsten Umbrüchen seit mindestens 1790. Interessanterweise ergibt das alles aber auch Stoff zum Lachen.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner