Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 28.01.2018


Wien

„Hotel Strindberg“: Zimmer mit unbehaglichen Einsichten

Jubel am Akademietheater: Simon Stone und seine Mitstreiter eröffneten das „Hotel Strindberg“.

Barbara Horvath, Franziska Hackl, Martin Wuttke, Max Rothbart und Simon Zagermann in "Hotel Strindberg" im Akademietheater.

© Reinhard Maximilian WernerBarbara Horvath, Franziska Hackl, Martin Wuttke, Max Rothbart und Simon Zagermann in "Hotel Strindberg" im Akademietheater.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Theater nach der Lehre Hahnemanns? Bei Simon Stones Herangehensweise an erprobte Bühnenliteratur kommt einem unweigerlich der Begründer der Homöopathie in den Sinn, der entdeckte, dass die Wirksamkeit von Arzneien mit zunehmender Verdünnung zunimmt. Des australischen Regisseurs neuestes „Kügelchen“, Strindberg in höchster Potenz, ist seit der mit tosendem Beifall aufgenommenen Premiere vom vergangenen Freitag am Akademietheater zu bestaunen. Verzückung löst schon Alice Babidges Bühnenbild aus: Einem Puppenhaus gleich errichtete sie, drei Stockwerke hoch, ein zeitgenössisches Mittelklasse-Hotel mit Glasfront zum Zuschauerraum. Der zwangsläufig voyeuristische Blick des Publikums fällt auf sechs Zimmer, ausgestattet mit den unvermeidlichen Boxspringbetten und Flat-TVs, und auf ein seitliches Stiegenhaus, durch das die Schauspielerin Franziska Hackl steigt, um im Supermarkt Champagner für das bevorstehende Date mit ihrem Liebsten zu holen. Weil: „Minibar ist Diebstahl“, wie in den viereinhalb Stunden der Unternehmung „Hotel Strindberg“ mehrfach betont werden wird.

In der Suite sind Alfred und Charlotte, Marti­n Wuttke und Caroline Peter­s, zugange, ihr Beziehungsdesaster lautstark bloßzulegen. Beide Stones Gewährsleute, die 2015 im Verein mit Birgit Minichmayr schon Ibsens „John Gabriel Borkman“ zu einem Ereignis machten. Einen Stock höher kämpfen ein Theaterautor (Michael Wächter) und seine Noch-Ehefrau (Aenne Schwarz) um die Scheidung – mit fatalem Ausgang. Ein polyamouröses Paar mit Kleinkind (Barbara Horvat­h und Max Rothbart) schrammt genauso an die Grenzen von Liebe und Vertrauen wie der von seiner berechnenden Karriere-Mutter vernachlässigte Psychiatriepatient Peter (Simon Zagermann). Dazwischen taucht immer wieder ein Concierge (Roland Koch) auf, der seltsam allwissend wie ein Gespenst anmutet.

Im Lauf der drei Akte schlüpfen die Schauspieler in weitere Rollen, verschieben sich die Hotel-Einblicke, werden zu Frühstücksraum und Lobby, bis sich das Ganze, und damit erschließt sich diese streckenweise halsbrecherische Gratwanderung durch Strindbergs Hirnwindungen, in eine Art Irrenanstalt verwandelt. Simon Stone und sein kongeniales Ensemble entflechten die Denkgebäude des schwedischen Skeptikers: Sie versuchen, unter Verwendung von Strindbergs Stücken wie „Gespenstersonate“, „Der Vater“, „Die Stärkere“ oder „Nach Damaskus“, den Kern des darin manifestierten, von Abhängigkeit wie Abscheu, Hingabe wie Angst getragenen Verhältnisses der Geschlechter zu ergründen und befeuert von Tragik wie grandiosem Slapstick ein neues Strindberg-Erlebnis zu formen.

Es dauert, bis man sich im „Hotel Strindberg“ zurechtfindet, manche Spiel-Rädchen greifen nur knirschend ineinander, zeitweise ärgert der massive Fokus auf die geniale Paarung Wuttke und Peters (weil sämtliche Darsteller grandios sind!), trotzdem: Zimmerreservierung wärmstens empfohlen.