Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 18.02.2018


Bühne

Scheue Kannibalen im Menschenzoo

Regisseur David Bösch gelingt mit Tennessee Williams’ Familiendrama „Glasmenagerie“ ein großer Abend.

© APABrüchige Tafelrunde: Martin Vischer, Sarah Viktoria Frick, Regina Fritsch und Merlin Sandmeyer (v. l.). Foto: APA



Wien – Herzlich willkommen bei den Wingfields. Mit seiner „Glasmenagerie“, 1944 uraufgeführt, macht der Menschenschicksal-Beleuchter Tennessee Williams das Publikum bekannt mit einer dysfunktionalen Rumpffamilie.

Mutter Amanda (Regina Fritsch), ein alterndes Flapper-Girl aus gutem Haus, hat auf den falschen, längst abhandengekommenen Mann gesetzt und versucht angestrengt, als „Frau der Tat“ Oberwasser zu gewinnen. In das Fantasiereich ihrer Glastiere flüchtet sich die Tochter Laura (Sarah Viktoria Frick), deren Hinkebein, wie ihre Mutter viel zu oft anmerkt, keine Beeinträchtigung ihrer Schönheit darstelle, die aber „doch ganz anders als die übrigen Mädchen“ sei. Bruder Tom (Merlin Sandmeyer) ist der, den es hinauszieht in die Kinos, Bars und am Ende, gleich seinem Vater, in die Welt.

Regisseur David Bösch vertraut auf den großen Südstaaten-Dramatiker und findet die richtige Temperatur für ein Stück, das zwischen allen Nuancen von bittersüß, tragisch, komisch und streckenweise auch altbacken leicht verloren gehen kann. Zu Recht gilt der Jubel bei der Akademietheater-Premiere am vergangenen Freitag auch ihm, dem es gelingt, seine vier Schauspieler mit ihren Rollen derart verschmelzen zu lassen.

Eingebettet sind die unzähligen feinen Gesten und Zwischentöne, die leisen bis wortlosen Skizzen der einzelnen Figuren, die verzweifelten Ein- und Ausbrüche in ein beeindruckendes Bühnenbild. Patrick Bannwart hat für die Wingfields einen regelrechten Verschlag gezimmert: dunkelgraue Ärmlichkeit mit Esstisch und abgewetztem Sofa, in dem das Schrägfenster der einzige Licht- oder besser Mond-Blick ist.

Lauras „Menagerie“ sind absonderliche Glas-Insekten-Einhörner, die die atemberaubende Sarah Viktoria Frick zerstören wird, abweichend von Williams als bewusste Selbstbehauptung. Davor hat der als ihre Zukunftshoffnung von der Mutter zu einem pompösen Dinner geladene junge Jim (Martin Vischer) sie (wach-)geküsst.

Äußerst zart und klug gestalten Vischer und Frick die scheuen Szenen dieser Annäherung, ebenso wie Sandmeyer einen fragilen, liebenden und jederzeit fluchtbereiten Tom verkörpert und Regina Fritsch die gebrochene Übermutter und verzweifelte „Dame von Welt“ zeichnet. Empfehlung. (lietz)