Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 03.03.2018


Innsbruck

Männlein tickt anders, Weiblein aber auch

Fulminante Premiere des Staatstheater-Stücks „Schwindelfrei“ im Treibhaus. Uli Brées Textvorlage erweist sich als bühnentauglich.

© Aichner



Von Markus Schramek

Innsbruck – Die Schauspielerinnen Lisa Hörtnagl, Ute Heidorn und Carmen Gratl erwarten eintreffende Gäste hoch, nein – nicht zu Ross, sondern auf Leitern sitzend. Das erfahren wir allerdings erst im Laufe des Theaterabends. Denn überlange Roben in Weiß verhüllen fürs Erste die hölzernen Stehgehilfen dieses Dreigestirns.

Heidorn thront in dermaßen luftiger Höh’, dass sie zusätzlich am Sitz festgezurrt ist. „Schwindelfrei“ heißt schließlich auch das neue Stück des „Staatstheaters Innsbruck“, das Regisseurin Susi Weber am Donnerstag dem Premierenpublikum im Treibhaus servierte. 13 „Weibergeschichten“ aus dem Buch von Uli Brée, dem „Vorstadtweiber“-Texter, Wahltiroler und Frauenversteher Nr. 1, hat sich das Kleinensemble zur Brust genommen.

Brust ist ein gutes Stichwort. Denn diese, in ihrer weiblichen Ausprägung, zieht Männerblicke an. Da mögen Frauen noch sehr vom Bausparen, Hausbauen und Kinderkriegen schwadronieren. Die potenziellen Samenspender starren lieber auf den Inhalt eines gut gefüllten BH-Cups und den Hintern von Ina Schmitz. Frau öffnet ihr Herz, Mann sieht aber nur den Wonder- bra, der dieses umhüllt.

Klischee-Klassiker wie diese sind hundertmal erprobt, doch sie wirken immer noch. Denn das weibliche Trio auf den Hochsitzen ist bestens eingespielt. Novizinnen sind die drei mitnichten. In etliche Rollen sind sie schauspielerisch schon geschlüpft, zwischen Landestheater und Fernsehfilm. Sie ergänzen einander wie auf Zuruf, um die Dreistigkeit der (Männer-)Welt schrill und lebhaft zu kommentieren.

Kein Lacher kommt den Damen aus. Streng ist ihr Blick, die Haare sind drohend hochgesteckt. Unmengen an Text haben die Akteurinnen zu rapportieren, artikulieren und zu inszenieren. Schließlich soll das kein schnuckeliger Leseabend werden, sondern ein Bühnenauftritt mit Herzblut und Hingabe.

Heidorn gibt die abgeklärte Grande Dame, deren Zynismus auf Lebenserfahrung beruht. Gratl ist das Frauchen, das überrascht in die Welt blickt ob der Gemeinheit, die sie da erfährt. Lisa Hörtnagl auf der anderen Flanke ist Fleisch gewordenes Temperament. Herrlich, wie sie sich echauffiert, in Rage redet, auf ihrer Leiter zu rocken beginnt: über Jungs, die das andere Geschlecht für unbekanntes Land halten, das es zu entdecken gilt; über in die Jahre gekommene Revoluzzer, die mindestens ebenso bieder sind wie ihre Eltern. Als Mann würde man Frau Hörtnagl da lieber nicht in die Quere kommen. Es würden einem glatt die Ausreden ausgehen.

Fallweise entschlüpft dem ellenlangen Unterrock Heidorns ein feenhaftes Wesen mit feuerroter Perücke. Juliana Haider erinnert in ihrer Rolle an den Puck aus Shakespeares „Sommernachtstraum“. Verschlafen taumelt sie auf die Bühne und sorgt mit eigenwilligen Wortkreationen für Erheiterung. Dann trollt sie sich wieder unter den Zeltrock. Dort hat sie ihren Hauptpart: Sie lenkt die musikalische Umrahmung des Abends mit Versatzstücken aus der Musik von Gott – Karel mit Vornamen.

Groß ist der Unterhaltungswert und lang der Schlussapplaus nach 90 Theaterminuten. Uli Brée hopst von den Rängen mit auf die Bühne. Der Beifall gehört auch ihm, doch in erster Linie dem famosen Staatstheaterteam.