Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.03.2018


“Ferner“

Die Stimmen unter dem Eis

Eine eindrucksvolle Uraufführung im K2 des Tiroler Landestheaters von Martin Plattners neuem Theatertext „Ferner“ voll Mehrdeutigkeit und Sprachwitz.

© LarlIn menschenverachtender Eiseskälte: Janine Wegener als Zimmer XXIII in Martin Plattners neuem Schauspiel „Ferner“.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – „Ferner“, das ist der Gletscher, und ferner rücken uns vermeintlich die Dramen um im Mittelmeer ertrinkende Flüchtlinge, die Jahre vor der öffentlichen Wahrnehmung begonnen haben und noch immer andauern. Was sind das für Menschen, die da zuschauen? Martin Plattner stellt die Frage in seinem neuen Stück, einem virtuosen Text, der durch ein feinsinniges Team eine deckungsgleiche und gleichzeitig klärende szenische Wiedergabe erfuhr.

Eine ältere Frau ist unter dem Eindruck verboten konsumierter Tagesnachrichten aus dem Heim entwischt, in die weiße Natur, ins Eis, das Knarrende, Stöhnende. Sie hört die Stimmen von Toten unter dem Eis, die sich vereinen, zwanzigtausend, aber täglich werden es mehr, eine Dunkelziffer, Stimmen einer Dunkelziffer. Die Frau geht auf dem Eis über die darunter schockgefrorenen Leichen, sie hat die Bilder der Ertrinkenden im Fernsehen gesehen. Nun wird sie gesucht von der zynischen Pflegerin und dem stillen Zivildiener, die die Menschen im Heim nach deren Zimmernummern benennen, Zimmer XXIII, das ist die Alte.

Plattners Sprache ist voll Poesie, voll Untergrund und Mehrdeutigkeit, gleichermaßen benennend und andeutend, ein Sog ins Assoziieren, ins Verstehen. Sie hat einen eigenen Klang gefunden, eine Melodie der Wortstellung, die aus fernerer Zeit oder auch aus der Noch-Gegenwart eines Tiroler Tales tönt und doch neu und spannend in der österreichischen Literatur ist.

Es gibt Momente der personifizierten Sprache und des Theaters im Theater, der Durchdringung von Philosophie und Alltag, als Spielzeug getarnte menschliche Eisfossilien. Postdramatische Versatzstücke und passend ein leichtes Jelinek-Echo, in allem klugen Feinsinn, Sprachwitz und das Zwillingspaar Humor/tiefer Ernst.

Plattner verbindet Alltagskritik mit Empathie und schenkt seinen Figuren alle Zuwendung. So geht es in „Ferner“ um emotionale Kälte, außer um Flüchtlingstragödien auch um die Tragik einer misslungenen Mutter-Sohn-Beziehung, das Leiden junger wie alter Heiminsassen zwischen Fischstäbchen und Antidepressiva und die Sehnsucht nach Antworten. Das Stück soll hier nicht auserzählt werden, weil es zu einem überraschenden Perspektivenwechsel kommt.

Alexia Engl hat im K2 eine erstaunlich dreidimensionale, transparente Gletscherlandschaft erstellt, naturgemäß Grundtendenz Weiß auch in den Kostümen, ein Raubtiermantel fängt das entlaufende Zimmer XXIII ein. Regisseurin Elke Hartmann entspricht den Augenblicken des Unbewältigbaren, dem Tagalbtraum und dem Humor, der sich oft tiefschwarz durchs kalte Weiß zieht. Plattner-erprobt durch „Maultasch“ und wieder großartig in der sprachlichen wie körpersprachlichen Aufbereitung Janine Wegener als Zimmer XXIII, Antje Weiser als Pflegerin und Christoph Schlag als Zivildiener. Dazu kommt die bedrängende Dunkelziffer der Ulrike Lasta.