Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.03.2018


Westbahntheater

“Dogville“: Wenn Zuneigung in Gewalt umschlägt

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© Christoph Tauber



Staubige Straßen und Menschen, deren Gesichter von der harten Arbeit gegerbt sind. So sieht die Bevölkerung von Dogville aus, einem schmucklosen amerikanischen Provinzort in den Rocky Mountains, den die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre hart trifft. Die isolierten Bewohner helfen sich gegenseitig, um zu überleben, aber trotzdem sind Neid und Missgunst die beherrschenden Kräfte im nackten Kampf ums Überleben. Eine Ablenkung von diesen Sorgen ist das plötzliche Auftauchen einer jungen Frau. Sie ist auf der Flucht vor vermeintlichen Bösewichten. So beginnt der mehrfach ausgezeichnete Film „Dogville" (2003) von Regisseur Lars von Trier.

Das Westbahntheater in Innsbruck hat sich nun an diesen schwierigen Stoff herangewagt. Im Zentrum stehen der selbsternannte Philosoph und Schriftsteller Tom Edison, gespielt von Christoph Stoll, der als Erster der flüchtenden jungen Grace (Petra Rohregger) begegnet, ihr Vertrauen gewinnt. Nach einer Abstimmung geben die misstrauischen Einwohner Grace eine Chance. Sie muss der Bevölkerung bei der Arbeit helfen, doch als bekannt wird, dass Grace polizeilich gesucht wird, kippt die Stimmung. Gelungen ist der dramaturgische Aufbau des ambitionierten Stücks, der zeigt, wie rasant Wohlwollen in blanken Hass umschlagen kann.

Die Hauptdarsteller Petra Rohregger (Grace) und Christoph Stoll (Tom) bewältigen diese schauspielerische Herausforderung überzeugend, so lösen Toms unerträgliche Unbeholfenheit und das hilflose Ausgeliefertsein von Grace Beklemmung aus. Rohregger in der Rolle der geschundenen Grace gelingt das Oszillieren zwischen Euphorie und völliger Verzweiflung. Das Stück unter der Regie von Konrad Hochgruber ist in zwei Akte unterteilt, die sich stellenweise in die Länge ziehen. Überzeugend ist die Erzählerin Luka Oberhammer, die auch das Bühnenbild gestaltet hat. Sie schwebt auf einem Schaukelstuhl über der Bühne, ihre ausdrucksvolle Stimme ist ein Soundtrack, der lange nachklingt. Bis 25. März. (geta)