Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 28.05.2018


Burgtheater

“Der Besuch der alten Dame“: Ein Todesfall für bare Münze

Wegducken vor einem Racheengel: Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ am Burgtheater.

© APAIlluster, aber nicht überzeugend: Burghart Klaußner und Maria Happel in „Der Besuch der alten Dame“.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Vielleicht ist es auch einfach eine sichere Bank, in Zeiten schwankender gesellschaftspolitischer Gewissheit das Theaterpublikum mit einem Stück aus der nur scheinbar fernen Zeit der miefigen 1950er-Jahre zu packen. „Der Besuch der alten Dame“, Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie um menschliche Verführbarkeit und Vergeltung, stand im Frühjahr in der Opernfassung Gottfried von Einems am Spielplan des Theaters an der Wien, im Herbst wird Andrea Jonasson an der Josefstadt in die Rolle der Claire Zachanassian schlüpfen und am vergangenen Samstag feierte die hochkarätig besetzte Koproduktion der Burg mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen seine Wien-Premiere. Werktreu beginnt der von Frank Hoffmann zum Abschied seiner langen Intendanz des renommierten Ruhrpott-Festivals in Szene gesetzte Abend, und werktreu im leider nicht besten Sinn werden sich die kommenden zwei Stunden gestalten.

Kreischen deutet die Notbremsung an, mit der die „reichste Frau der Welt“ in Begleitung ihres Butlers (toll: Hans Dieter Knebel) am Bahnhof des ökonomisch ruinierten Städtchens Güllen anlandet. Maria Happel gibt diese von medizinischen Korsetten und unerbittlichem Racheplan zusammengehaltene Frauenfigur, die ihrem Heimatort die finanzielle Genesung für den Tod der charakterlosen Jugendliebe Alfred Ill anbietet. Vom kubistisch anmutenden Trichterkleid bis zum Edeldirndl ist die Kostümierung (Susann Bieling) abgründiger als ihre Trägerin.

Die in ihren unzähligen Rollen immer wieder großartige Maria Happel kann die zynische Leidensdiva allein aufgrund ihrer gegenläufigen Ausstrahlung nicht wirklich zu wahrer Schrecklichkeit treiben. Ben Willikens’ Bühne ist klar und grau, die Metallmöblierung karg, vom Schnürboden hängt ein übergroßer Fleischerhaken, und wenn am Ende das Bürgergericht über das Schicksal Ills entscheidet, fährt der blutrot beleuchtete Bühnenhintergrund vieldeutig knapp an die Rampe.

Es ist das Reich der „Güllener“, die bei Frank Hoffmann zur grotesken Herrenpartie mit gelegentlichen Slapstick-Einlagen geraten. Roland Koch glänzt als Bürgermeister, Dietmar König als Rektor und Möchtegern-Gutmensch, Michael Abendroth als Pfarrer wie Klempner und Marcus Kiepe als Arzt wie Fleischer. Daniel Jesch trägt als Polizist mit allerlei Sportübungen zur Erheiterung bei, trotzdem bleibt diese Inszenierung seltsam breiig. Selbst der illustre Burg-Gast Burghart Klaußner als Alfred Ill kann schwer Kontur entwickeln. Blass muss auch Petra Morzé als seine Gattin bleiben. Schade.




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