Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 29.05.2018


Bühne

Familie, Liebe und Prophet

Vater-Tochter-Konflikt in Zeiten der Kopftuch-Debatte: fabelhafte Erstaufführung von Ayad Akhtars Komödie „The Who and the What“ am Akademietheater.

© APAEin beeindruckendes Saisonende an der Burg: Peter Simonischek als Patriarch steht im Konflikt mit seiner liberalen Tochter Zarina, gespielt von Aenne Schwarz.Foto: APA/Techt



Von Bernadette Lietzow

Wien – Eine Tochter, nicht praktizierende Muslima und Feministin, wagt das Unerhörte: Mohammed als Menschen zu denken und über den Propheten als „bemerkenswerten Mann mit widersprüchlichen Gefühlen“ einen Roman zu schreiben. Angelpunkt für die Autorin Zarina, in den USA geborenes Kind pakistanischer Einwanderer, ist eine Koranstelle, an der per Auslegung das Verschleierungsgebot für Frauen festgemacht wird. Mohammed nähert sich da der siebten Frau Zainab bin Dschahsch, zugleich seine ehemalige Schwiegertochter, hinter einem Vorhang, womit der Hidschab, der Gesichtsschleier, als begründet gelten könne.

Das Buch ist Sprengstoff für Papa Afzal, den erfolgreichen Taxiunternehmer und ebenso überzeugten wie liberalen Moslem, für den nach dem Krebstod der Ehefrau die Töchter der Lebensinhalt sind. Für ihn ist das Werk Zarinas gotteslästerliche Pornografie. Angst um die Tochter in Zeiten islamistischen Radikalismus gepaart mit absolutem Unverständnis für deren intellektuelle Fragestellungen treiben ihn dazu, die Vernichtung des Manuskripts zu fordern, was zum Abbruch des Kontaktes führt.

Da es sich bei Ayad Akh­tars „The Who and the What“ aber um eine Komödie handelt, gibt es ein Happy End plus Aussicht auf eine Enkelin. Bevor es so weit kommt, entrollt Akhtar in seinem der angelsächsischen Tradition verpflichteten, exzellent gebauten Kammerspiel entlang der Bruchlinien seiner vier Charaktere die ganze Bandbreite der in diverse Sackgassen mündenden so genannten Islam-Debatte.

So leidet Zarina unter den Denkverboten, die eine differenzierte Sicht auf ihre Religion verunmöglichen. Sie, die Harvard-Absolventin, plädiert dafür, dass „unsere eigenen Leute über die großen Fragen nachdenken müssen“. Ihren Vater hingegen treibt eher die Ehelosigkeit Zarinas mit Anfang 30 um. Ganz Selfmademan, sucht er mit gefaktem Tochter-Profil auf muslimischen Online-Dating-Plattformen nach einem Schwiegersohn – und findet Eli, einen jungen Imam und Konvertiten aus liberalem „weißen“ Elternhaus. Und dann gibt es noch die quirlige jüngere Schwester Mahwish, die sich, nicht ganz überzeugt, zum Erhalt der Jungfernschaft mit ihrem langjährigen Freund Haroon auf vom Koran eigentlich verbotene Sexpraktiken einlässt, heiratet und einen anderen liebt.

Am Akademietheater gießt der Schweizer Regisseur Felix Prader all diesen Konfliktstoff, der in seiner Essenz ein großes Hohelied auf die Liebe darstellt, in einen wunderbar austarierten emotionalen Abend. Prachtvoll ist das Ensemble, das ihm zu Gebote steht und in schnörkellosem, dafür umso glaubwürdigerem Spiel streckenweise vergessen lässt, dass man „nur“ einem Theaterstück beiwohnt. Vor einem riesengroßen Orientteppich reichen ein paar Stühle (Bühne und Kostüme: Anja Furthmann) als Requisiten aus, Raum genug für ein Schauspieler-Fest.

Treibende Kraft ist der brillante Peter Simonischek: Er verkörpert mit Verve und Herzblut einen Patriarchen, der in der Vernarrtheit in seine Sprösslinge zugleich ganz verletzlicher Papa ist. Gleichfalls brillant ist Aenne Schwarz, die ihre Zarina in all die Zerrissenheit zwischen konsequentem Denken, kritischer Zeitgenossenschaft und Sehnsucht nach Harmonie ergreifend einbettet. Irina Sulaver steht ihr glänzend zur Seite, sie verleiht ihrer Mahwish gekonnt die Leichtfüßigkeit, mit der diese durch das Leben geht, ohne deren ebenfalls vorhandene Seelenschatten zu leugnen. Philipp Hauß schließlich vollendet das mit sichtbarer Lust agierende Quartett auf das Beste. Sein Eli ist vordergründig ein sympathischer „Bobo“ und liebevoller Ehemann an der Seite seiner allemal radikaleren Frau, dessen wahre Größe sich im Konflikt zeigt. Begeisterter Jubel, auch für den aus den USA angereisten Autor Ayad Akhtar, und ein vortreffliches Burg-Saisonende.




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