Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 03.06.2018


Bühne

Ein Totenschein fürs Mangazimmer

Susanne Kennedys Inszenierung von „Die Selbstmord-Schwestern“.

© Judith BussBilder-Theater wie im Drogenrausch: Die „Selbstmord-Schwestern“ als abgedrehte Manga-Mädchen auf dem Medien-Altar. Foto: Judith Buss



Von Bernadette Lietzow

Wien – „The world will glow for you.“ Das ist der Gedanke, den man sich allemal nach dichten 80 Minuten im Kreis der „Selbstmord-Schwestern/The Virgin Suicides“ einpacken lassen kann. Festwochen-Chef Tomas Zierhofer-Kin hat die ambivalent aufgenommene Theaterproduktion der Münchner Kammerspiele nun ins Wiener Akzent-Theater geholt. Dass die Welt für einen persönlich zu leuchten vermag, versprechen seit Menschengedenken religiöse Verheißungen wie ebenso alte bewusstseinserweiternde Hilfsmittel.

Der Anbruch des neuen Jahrtausends eröffnete mit seinen Social-Media-Fahrwassern eine neue Form: In unzähligen Leucht-Arenen kann die Erkundung des Selbst öffentlich und häufig gewinnbringend gefeiert werden. Die Hoffnung auf das Netz als Demokratisierungsinstrument, als Sprachrohr gegen Gewalt und für all jene, die nicht im Besitz der Macht- oder Produktionsmittel sind, hat sich ins Gegenteil verkehrt. Susanne Kennedy, geboren 1977, fokussiert darauf mit besonderem Augenmerk auf „Netz(wohl)verhalten“ von Mädchen und Frauen. Schmink- und Tanzclips weiblicher Teenager flimmern über die Bildschirme und machen in dieser Anordnung deren Abgründigkeit deutlich. Das Bild ist die Botschaft – eine Art Installations-Weihespiel kreierte die gefeierte deutsche Regisseurin, in dem sie auf der Folie von Jeffrey Eugenides’ Roman „The Virgin Suicides“ und dessen Verfilmung durch Sofia Coppola Fragen über Leben und Tod stellt. Ein aus unzähligen Bildern gefügter Flügelaltar bildet die Bühne (Lena Newton), in deren Fluchtpunkt ein Glasschrein eine nackte Frauenfigur preisgibt.

Schrill und bunt ist die Szenerie, in den seitlichen Glaskästen glüht ein rot leuchtendes „ewiges Licht“ in Herzform, Cola-Flaschen und ein mit Donuts bestückter Zweig sind auszumachen. Ein androgyner animierter Avatar verkündet Botschaften des LSD-Papstes Timothy Leary, Stimmen aus dem Off, die nur manchmal den handelnden Personen zugeordnet sind, erzählen in Bruchstücken von Eugenides’ Teenie-Töchtern aus der strenggläubigen Familie Lisbon, die allesamt Hand an sich legten.

Auf Schauspiel im klassischen Sinn wird absolut verzichtet: Vier der fünf – im Übrigen männlichen – Darsteller sind mit bizarrem Kopfschmuck, Latexmasken, Handschuhen und ihren spärlichen Bewegungen großäugige Puppen in unschuldig-weißen Nachthemden.

Als dramaturgisches Gerüst dienen die sieben mal sieben Tage des Tibetanischen Totenbuches, die vom Kreislauf der Wiedergeburt künden. Nachdenkliche Erschöpfung ist das Ergebnis dieser ebenso wunderlich psychedelischen wie konsequenten Bilderschlacht, die nicht zuletzt die in der Krise befindliche Form des Sprechtheaters zur Diskussion stellt.