Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 05.06.2018


Bühne

In München ist alles Privatsache

Ein Reigen an Uraufführungen bei der Musiktheater-Biennale in Bayerns Hauptstadt.

© Smailovic



München – Wer am Wochenende alle Novitäten der Münchener Biennale besuchen wollte, musste eine logistische Meisterleistung vollbringen – Uraufführung folgte auf Uraufführung. Das Motto lautet heuer „Privatsache“.

Die Eröffnungspremiere „Wir aus Glas“ passt exzellent zum Thema, das Team rund um den Komponisten Yasutaki Inamori, die Librettistin Gerhild Steinbuch und Regisseur David Herman führt uns mitten in die Kommunikationsticks einer schrecklich schrägen Truppe, die sich an einem wundersamen Ort befindet. Ein verdorrter Ast hinter Glas ist zu sehen, es gibt Bad und Schlafzimmer, einen Salon. Der Clou ist die ständige Interaktion von Sängern, Schauspielern und Musikern. Viel wird geplappert, dazu geigt es aus der Dusche, das Cello muss sich gegen einen Staubsauger behaupten. Während eines ausführlichen Dinners gerät alles gänzlich aus dem Lot. Das Publikum sitzt auf zwei beweglichen Tribünen, auch die Bühne fährt lautlos vor und zurück. Ein toller Auftakt.

Ziemlich problematisch waren zwei Projekte, die sich auf jeweils sehr spezielle Weise in ihren Konzepten verhedderten. In einem Fall spazierte man gleich dreimal um den Block des Aufführungsortes, unter Leitung eines eher grimmigen Aufpassers. Der Weg führte vorbei an zum Teil merkwürdigen Menschen, einige waren rein zufällig da, andere waren Mitglieder der Neuen Vocalsolisten, die hübsche Miniaturen aus Gesang und Performance boten. Der Effekt nutzte sich jedoch bald ab. Kulminationspunkt war die Begegnung mit einem Roboter in einer großen Kunststoffmembran, „Bubble<3“ heißt das Stück. Blieb diese Aufführung eine eher harmlose Kunstblase, so geriet Clara Iannottas „Skull ark, upturned with no mast“ zum Ärgernis. Im Programmheft wird über Facebook, den Verlust von Privatsphäre, die symbiotische Beziehung eines Gießkannenschwamms mit einem Garnelenpärchen erzählt, auf der Bühne stehen vier Musiker und veranstalten Krach. Ein Angriff auf die Privatsphäre von Ohren, Augen und Gehirn.

Die Biennale läuft noch bis 12. Juni. Infos: www.muenchenerbiennale.de. (jff)