Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 15.06.2018


Bühne

Der lange Weg nach unten

Das generationenübergreifende Theaterstück „Federleicht“ der Südtirolerin Mirjam Zadra handelt von Empathie und Liebessehnsucht.

© RohrmoserPeter (Christopher Zierl) begegnet Sarah (Jasmin Mairhofer) empathisch, aber auch mit skurrilem Übermut.Foto: B orubaev



Innsbruck - In gebeugter Haltung schleppt sich eine alte Frau ans Brückengeländer und stellt ihren schweren Korb keuchend vor sich auf den Boden. Während sie eine teure Flasche Wein und eine Jausenbox hervorkramt, führt sie wirre Selbstgespräche, die erahnen lassen, dass sie auf dieser Brücke nicht etwa ein sonniges Plätzchen an der frischen Luft gesucht hat. Den Freitod allerdings auch nicht. Es ist der Pilgerort einer trauernden Mutter, die Jahr für Jahr zu jener Brücke zurückkehrt, von der ihr Sohn in den Tod sprang.

Das Theaterstück „Federleicht" der Südtiroler Schriftstellerin Mirjam Zadra das heute wieder in der ehemaligen Hungerburgtalstation aufgeführt wird, kreist um drei Menschen, die sich auf einer namenlosen Brücke begegnen. Alle drei reflektieren über ihre Enttäuschungen, ihre Einsamkeit und ihre daraus resultierenden Ängste.

Als seine erste große Liebe ihm den Laufpass gab, wollte Peter (Christopher Zierl), ein junger Rapper und Blogger, seinem Leben ein Ende setzen. Nun tingelt er mit polterndem Frohsinn gen Süden und berichtet seinen Followern via Snapchat unentwegt von seinen Aktionen. Peter legt auf seiner Reise gen Süden einen Zwischenstopp auf der besagten Brücke ein, um dort Transparente mit Protestbotschaften zu platzieren. Hier trifft er auf die trauernde Monika (Eleonore Bürcher) und isst auch gleich ihren Hasenbraten auf, den ihm die alte Dame in mütterlicher Großzügigkeit überlässt, obwohl das Gericht eigentlich für den „Gedenkschrein" ihres Sohnes auf dem Brückengeländer gedacht war. Peter verwickelt Monika in ein Gespräch, zeigt ihr sein Handy, lässt sie sogar damit filmen, während er einen Song rappt. Der junge Mann verwandelt seine ursprüngliche Resignation in eine lebensbejahende Revolution, die gegen Leistungsdruck und Unachtsamkeit aufbegehrt. Plötzlich tritt ein Mädchen in Erscheinung, das zügig über das Brückengeländer steigt und vor dem Abgrund kauernd innehält. Peter nähert sich der jungen Frau besorgt, aber auch mit skurrilem Übermut, etwa, indem er sie mit einem Selfie ablenken möchte. Sarah (Jasmin Mairhofer) fasst Vertrauen und erzählt von ihrer bereits verstorbenen Mutter, die sie mit dem HI-Virus angesteckt habe, weswegen sich nun auch ihr Freund von ihr trennen wolle.

Zadra gelingt mit dem Stück „Federleicht" eine gesellschaftskritische, manchmal ins absurd Komische reichende Auseinandersetzung mit dem Tabuthema Selbstmord. Ihre Figuren, die von einer Brücke aus in den Abgrund blicken, sind keineswegs nur gescheiterte oder schwache Persönlichkeiten. Sie sind Enttäuschte und Ausgegrenzte, die verzweifelt gegen ihre Sorgen ankommen wollen. Regisseurin Judith Keller lässt die Protagonisten taumeln und zeigt in der Schauspielerführung viel Empathie für ihre Figuren am Abgrund. Der begrenzte Raum der schmalen Brücke verstärkt die emotionalen Anspannungen, die sich im kargen Bühnenbild (Fredi Fritz) gut herausstellen lassen.

Obwohl Zadra die Figur der todesmutigen Sarah unnötigerweise mit zu vielen Problemen überfrachtet, setzt Jasmin Mairhofer diese Rolle überzeugend um, vor allem dann, wenn sie ihre angsterfüllte Körpersprache mit atemlosen Sätzen verschränkt. Christopher Zierl spielt den jungen empathischen Revoluzzer Peter authentisch, besonders mit seinen Rap-Einlagen beweist er musikalisches Talent. Am Ende hält jedoch Eleonore Bürcher in diesem generationsübergreifenden Stück alle dramaturgischen Fäden fest in der Hand und spielt die einsame, verbitterte Dame mit souveräner Konsequenz. „Federleicht" ist keineswegs trostlos, ganz im Gegenteil: Ohne ins Naive abzurutschen, zeigt Zadra, dass Liebe lebensrettende Kräfte besitzt und Empathie eine unverzichtbare Tugend ist. Das Stück sei auch Nostalgikern empfohlen. Sie werden sich am aus der Zeit gefallenen Ambiente der alten Hungerburgtalstation erfreuen.




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