Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 13.07.2018


Bezirk Kufstein

Festspiele Erl: Ein Grenzgang zwischen Kulturen

Die junge Pianistin Mélodie Zhao mit chinesischer und europäischer Musik bei den Erler Festspielen: ein Abend zwischen maschineller, technischer Präzision und musikalischem Tiefgang.

© Peter KitzbichlerMit fliegender Mähne und ungezügelter Leidenschaft: Mélodie Zhao spielte in Erl einen großartigen Klavierabend.



Von Wolfgang Otter

Erl – Zwei musikalische Welten schlummern in Mélodie Zhaos Brust. Da ist einerseits die ihrer Vorväter, also chinesisch. Andererseits kann sie ihr Geburtsland nicht verleugnen – das ist europäisch, ist sie doch in der Schweiz geboren. Dort absolvierte sie nach einem Aufenthalt in Peking bei ihren Großeltern auch ihr Studium. Die erst 23-jährige Pianistin macht das Beste daraus, sie verbindet diese kulturellen Welten und entführt so ihr Publikum zu einer beeindruckenden musikalischen Reise. Doch das ist nicht der einzige Grenzgang, zu dem die junge Frau mit dem Publikum am Mittwochabend bei ihrem Konzert im großen Festspielhaus in Erl aufbrach. Zhao reizt die Grenze des technisch gerade noch Machbaren aus, ihre Tempi lassen einen regelrecht nach Luft schnappen. Und dabei zeigt die erst 23-Jährige eine gewaltige Bühnenpräsenz – nach dem ersten Stück lag ihr das Publikum praktisch zu Füßen.

Nur der Auftakt geriet etwas verhalten: Franz Liszts berühmte Transkription von Richard Wagners Tannhäuser-Ouvertüre. Wagner und Erl gehören zusammen, ob am Klavier oder im Orchestergraben. Daher war es auch für ein Recital durchaus logisch, eine Opern-Transkription ins Programm zu nehmen.

Dabei schien die junge Frau in den ersten Minuten noch eine Suchende zu sein, war noch nicht ganz auf der Bühne und am Klavier angekommen. Es brauchte einige Zeit, bis sie, gewissermaßen die Betriebstemperatur erreichend, begann, orchestrale Breite zu entwickeln, die Läufe entschlossener, die Spielweise entschiedener wurde.

Nicht nur Fortissimo und funkelnde Technik ist ihr Ding, die 23-Jährige stimmte nach dem Klanggewitter von Liszts Transkription das Publikum auf eine ruhigere Phase des Abends ein. Dazu erklang eine feine, schwebende Improvisation, für die sie musikalisch und harmonisch viele tausend Kilometer zurücklegte und chinesische Harmonien miteinfließen ließ. Im darauffolgenden Programmpunkt überschritt sie gänzlich die Kontinente. Dazu hatte sie sich die aufstrebende junge Sopranistin Chen Wang als Verstärkung geholt. Drei Lieder von Shande Ding und Yinghai Li folgten. Darauf setzte Wang mit ihrem strahlenden, wunderschönen jugendlichen Sopran, den die 23-Jährige spannungsvoll einzusetzen weiß, die vier Lieder, Op. 27, von Richard Strauss. Einen wundervollen „Morge­n an dem die Sonne wieder scheint“ und eine temperamentvolle „Cäcilie“ gab Wang von sich. Zhao blieb immer zurückhaltend und den Hintergrund fein aufbereitend.

Mit der Zurückhaltung war es dann bei Zhao nach der Pause gänzlich vorbei: Sergej Rachmaninows Prélude in cis-Moll, Vocalise und Prélude in g-Moll machten den Anfang. Tiefsinnig, rhythmisch einprägsam hämmernd, war sie wieder in Europa angelangt.

Grandios auch die Nussknacker-Suite in der Bearbeitung des genialen Pianisten Mikhail Pletnev. Einer Explosion gleich stürzte sich die Pianistin mit wehender Mähne auf die Tasten und spielte die Zuhörer fast schwindelig. Die mussten sich dann auch mit einem Zwischenapplaus Luft verschaffen. Ein großartiges Lehrstück der Klaviertechnik, wie auch der folgende von ihr bearbeitete Schlusssatz aus dem allerdings sehr patriotisch anmutenden „Yellow-River-Konzert“ von Xinghai Xian.

Zur Zugabe entschwebte die junge Ausnahmemusikerin dann mit Franz Liszt dem Festspielhaus. Direkt in den Klavierhimmel hinauf.




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