Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 23.07.2018


Tiroler Festspiele Erl

Hochemotional Fragen an das Sein gestellt

Giuseppe Verdis Messa da Requiem im Großformat unter der Gesamtleitung von Gustav Kuhn bei den Tiroler Festspielen Erl.

© HauserDie nicht immer stimmigen Solisten: Anna Princeva, Svetlana Kotina, George Vincent Humphrey und Andrea Silvestrelli.



Erl – Man muss nicht Christ sein, man muss sich keiner Konfession zugehörig fühlen, um sich nicht unter dem Eindruck der Messa da Requiem von Giuseppi Verdi von totaler Ergriffenheit überwältigt mit existentiellen Fragen wie „Woher komme ich?“, „Wohin gehe ich?“, „Was bleibt vom Leben?“ auseinanderzusetzen.

Die Musik spricht für sich, in jeder Note, in jedem Takt. Die viel diskutierte Frage, ob es sich bei der Messa da Requiem um ein Sakralwerk oder um ein­e konzertante Oper über Totenklage und Jüngstes Gericht handelt, stellt sich ebenso wenig wie die Frage, ob das Werk in einem Opernhaus oder in einem sakralen Umfeld die größere Wirkung erzielt. Die ungemeine Tiefe und emotionale Energie hebt das Requiem über jede Schubladisierung hinaus, und ob im Wald, auf dem Berg, auf hoher See oder in der Wüste, das Requiem packt den Hörer mit Haut und Haaren.

Verdi ist in Erl so fest verankert wie Wagner, das Requie­m stand schon 1998 auf dem Programm. Wenn dann das Orchester und die Chor­akademie der Tiroler Festspiele Erl unter Gustav Kuhn auf so beispielhafte Weise imstande sind, das effektgeladene Werk aus sich selbst heraus zum Leuchten zu bringen, dann regen sich ganz unweigerlich die tiefsten Gefühle in jedem Einzelnen – Musikern wie Hörern. Kuhn versteht es, das Requiem in seiner extremen Mischung aus Endzeitvision und dem eindringlichen Flehen als eine zeitlose überkonfessionelle Projektionsfläche zu offerieren. Sich der ungemein drastischen Effekte bewusst, setzt er aber nicht bloß auf abrupte dynamische Wechsel. Da ist einmal der grandios einstudierte 84-köpfige Chor, die „Solostimme“ schlechthin. Zu aller Wucht fähig, nimmt er sich spontan zurück auf Kammerchorstärke. Pianissimo-Stellen werden mit Intensität erfüllt, heikle A-cappella-­Passagen lupenrein intoniert. Ganz selbstverständlich, bruchlos, fließt das eine ins andere. Das Orchester: superb!

Alle Gewitterstürme in das Dies irae gelegt, ist die Durchschlagkraft der Solisten gefordert. Die scheinen allerdings nicht die allererste Wahl. Andrea Silvestrelli, eine Wucht von einem Bass, eine auch Nuancen verschlingende Wucht allerdings. Hochemotional, aber mit zu viel Vibrato und hörbar großem Krafteinsatz bringt George Vincent Humphrey seinen Tenor zur Geltung. Idealer die Frauenstimmen: Svetlana Kotina wird der Seelentiefe des Werkes mit fülligem Mezzosopran gerecht. Leuchtend, licht, von positiver Grundstimmung getragen, der Sopran von Ann­a Princeva. Dass vier an und für sich schöne Stimmen im Verein nicht immer stimmig sind und es sich reibt, wo es nicht soll, auch das trübt den Gesamteindruck. Nichtsdestotrotz, wenn sich das Requiem resignierend, zweifelnd zu Ende neigt, weiß man um ein unvergleichlich tiefes Musikereignis. (hau)