Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 29.07.2018


Salzburger Festspiele

Ziemlich matter Mozart-Zirkus

Die Salzburger Festspiele beginnen mit einer neuen „Zauberflöte“. Eine Eröffnungspremiere mit reduziertem Publikumsecho.

© APAMartialische Kostüm-Oper: Regisseurin Lydia Steier inszenierte die „Zauberflöte“ mit viel clowneskem Pomp.



Von Jörn Florian Fuchs

Salzburg – Die erste halbe Stunde ist berückend schön. Ein großbürgerliches Haus, bis ins feinste Detail liebevoll ausgestattet, darin viel Personal – und drei Knaben, für die eigentlich schon Schlafenszeit ist. Doch sie sind einfach nicht müde, also setzt sich der Großvater zu ihnen ans Bettchen. Er erzählt eine nicht ganz (ein)schlaftaugliche Geschichte. Seltsame Gestalten tauchen auf, wobei die Buben zunehmend ins Geschehen rutschen und dabei etwa einem nur scheinbar normalen Fleischhauer begegnen – er entpuppt sich bald als Vogelfänger Papageno. Bevor dieser ins Labyrinth aus Liebesdingen und abenteuerlichen Aufgaben verschwindet, bringt er zunächst mal frische Hendln. Klaus Maria Brandauer gibt den Großpapa, mit feiner Eleganz, dabei gänzlich uneitel. Er fasst die Handlung zusammen, kommentiert ein wenig. Das ist ein dramaturgischer Coup, denn dadurch werden die elend langen und heute überwiegend peinlich wirkenden Sprechtexte der Protagonisten auf ein Minimum reduziert. Zeitlich befinden wir uns kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, gegen Ende ist der Krieg im Gange, während der berühmten Feuer- und Wasserprobe flimmern Bilder aus zerbombten Städten und Schützengräben über die Bühne. Eine durchaus interessante Setzung! Dazwischen geht es ins Reich des zwiespältigen Sarastro, es handelt sich – warum auch immer – um eine Zirkuswelt, in der quasi ununterbrochen Kunststückchen zum Besten gegeben werden. Stelzenläufer, Messerwerfer, ein Zwerg bevölkern die Szenerie. Leider läuft hier die Inszenierung der in Deutschland lebenden Amerikanerin Lydia Steier ins Leere. Steier verliert mehr und mehr die Orientierung, die Sache wird bald banal und dazu noch erdenschwer. Vom sprühenden Charme des Anfangs bleibt wenig übrig, alles schleppt sich mühsam dahin.

Auch Constantinos Carydis setzt am Pult der vermutlich arg gegen ihre ureigensten Überzeugungen musizierenden Wiener Philharmoniker vor allem auf Schau- beziehungsweise Hörwerte. Vieles klingt ruppig und laut, bisweilen hetzt Carydis so durch die Partitur, dass mancher Gesangssolist Probleme bekommt. Die Besetzung ist für eine Salzburger Festspielaufführung erstaunlich heterogen. Mauro Peter gibt einen allenfalls soliden, ziemlich farblosen Tamino, Christiane Karg eine merkwürdige leise, manchmal matt klingende Pamina. Adam Plachetka singt den Papageno ordentlich, allerdings auch ziemlich brummelig. Stark ist Maria Nazarova als Papagena. Albina Shagimuratovas Königin der Nacht gefällt mit klarer Diktion und perfekten Koloraturen, während Matthias Goerne als Sarastro leider wirklich fehlbesetzt ist – meist textunverständlich, mit fahler Tiefe und wenig Dynamik. Außerdem agiert er wie bei einem Liederabend, von szenischer Gestaltung keine Spur. Sehr verlässlich war die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, einstudiert von Ernst Raffelsberger. Die Mattigkeit auf der Bühne übertrug sich auch auf das Premierenpublikum, es reagierte mit ziemlicher Zurückhaltung.




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