Letztes Update am Di, 31.07.2018 20:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Festspiele Erl

Kuhn stellt Funktion ruhend: „Muss seine Unschuld beweisen“

Der mit Missbrauchsvorwürfen konfrontierte künstlerische Leiter der Festspiele Erl hat seine Funktion ruhend gestellt. Ein Schuldeingeständnis sei dies nicht. „Kuhn muss beweisen, dass er unschuldig ist“, sagte Festspielpräsident Haselsteiner.

© Thomas BöhmGustav Kuhn mit Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner. (Archivbild)



Erl – Die Ära Kuhn in Erl ist zu Ende – zumindest vorerst: Der wegen Vorwürfen sexueller Übergriffe schwer in Bedrängnis geratene „Maestro“ Gustav Kuhn stellt seine Funktion als künstlerischer Leiter der Festspiele bis zur vollständigen Klärung mit sofortiger Wirkung ruhend. Er wolle damit weiteren Schaden von den Festspielen abwenden, teilten die Verantwortlichen mit.

Kuhn weise die von fünf Künstlerinnen in einem offenen Brief geäußerten Vorwürfe weiterhin zurück, hieß es nach einer Sitzung des Stiftungsvorstandes in Wien. Der Vorstand habe die Entscheidung Kuhns begrüßt, hieß es. Mit der interimistischen Leitung wurde sein bisheriger Stellvertreter Andreas Leisner betraut. Die Vorwürfe würden jedenfalls ernst genommen, und jedem einzelnen davon werde entsprechend nachzugehen sein, wurde versichert.

Rückkehr hängt von Gutachten der Kommission ab

Eine mögliche Rückkehr von Gustav Kuhn in seine Funktion hängt nicht nur von den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, sondern auch von der Gleichbehandlungskommission im Bundeskanzleramt ab, die die Geschäftsführung der Festspiele nun anrufen werde. Dies machte Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner im APA-Gespräch klar. „Diese Kommission wird dann ein Gutachten erstellen. Und nur wenn diese darin zu dem Schluss kommt, dass die Vorwürfe zu Unrecht bestehen oder nicht ausreichend begründbar sind, kann Kuhn zurückkehren“, erklärte Haselsteiner.

Parallel dürfte es natürlich auch zu keiner strafrechtlichen Anklage kommen, bzw. müssten die Ermittlungen eingestellt werden. Da vor der Gleichbehandlungskommission die Beweislastumkehr gelte – also Kuhn muss dabei den Diskriminierungstatbestand glaubhaft machen – stelle dies für den „Maestro“, so Haselsteiner, eine „große Erschwernis“ dar. „Kuhn muss beweisen, dass er unschuldig ist“, so der Industrielle. Bedingung für eine Rückkehr sei jedenfalls, dass sich die Anschuldigungen als „nicht haltbar“ herausstellen, betonte der Erl-Mäzen.

Vertrag läuft noch bis 2020

Der Vertrag Kuhns laufe noch bis 2020. Dass die Festspiele ohnedies heuer – auch ohne die gesamte Causa – einen Nachfolger für die Zeit danach präsentieren würden, bestätigte Haselsteiner. Es gebe nach wie vor die „Hoffnung“, dass Kuhn die letzte oder sogar zwei Saisonen lang noch künstlerischer Hauptverantwortlicher in Erl sein könne.

Der Maestro habe mit seiner Entscheidung jene des dreiköpfigen Stiftungsvorstandes – Mitglieder dort sind neben Haselsteiner Tirols Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) und Jürgen Meindl, Leiter der Kunst- und Kultursektion im Bundeskanzleramt – vorweggenommen, so Haselsteiner. „Es gab im Vorstand keine divergierenden Meinungen“, sagte der Industrielle und Erl-Mäzen. Bei den Vorständen habe jedenfalls „großes Bedauern“ und auch „große Ohnmacht“ angesichts der ganzen Causa und der jetzigen Entwicklung geherrscht. „Wir wollen keinen Machtmissbrauch und keine sexuelle Nötigung“, stellte der frühere Liberales-Forum-Politiker klar.

Verantwortliche begrüßen Rückzug Kuhns

Die Verantwortlichen von Bundes- als auch von Landesseite begrüßten indes die Entscheidung Kuhns. Aus dem Büro von Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) hieß es, dass die Entscheidung „notwendig und alternativlos“ gewesen sei. „Positiv“ bewerteten auch die Tiroler Grünen, die bereits vergangene Woche eine vorläufige Suspendierung Kuhns verlangt hatten, den freiwilligen Rückzug. Alles andere wäre ein „fatales Signal“ gewesen. Ähnlich auch SPÖ-Kultursprecherin, Abg. Selma Yildirim, die den Rückzug als „wichtigen, aber nur ersten Schritt“ bezeichnete.

Indes äußerte am Dienstag eine mutmaßlich weitere Betroffene schwere Vorwürfe gegen Kuhn: die oberösterreichische Sopranistin Manuela Maria Dumfart. Die Künstlerin hatte laut dem Bericht bereits in einem Medienverfahren in der Causa gegen den künstlerischen Leiter ausgesagt. Sie schilderte gegenüber ORF Tirol einen angeblichen sexuellen Übergriff durch den Maestro im Jahr 2015. Kuhn habe ihr in den Schritt und unter den Pullover gegriffen, so Dumfart. Sie sei dann aus Erl abgereist und nicht mehr zurückgekehrt – trotz laufender Verträge. (TT.com/APA)

Causa Erl: Chronologie der Ereignisse

Mitte Februar 2018 veröffentlicht ein Blogger Vorwürfe gegen Gustav Kuhn, die von „modernem Sklaventum“ über Verdacht auf Lohndumping bis hin zu sexueller Belästigung unter anderem durch Maestro Kuhn reichen. Die Verantwortlichen der Festspiele Erl weisen diese aufs Schärfste zurück.

26. Februar: Kuhn nimmt erstmals selbst Stellung. Er spricht von „unhaltbaren Anschuldigungen“ und wehrt sich gegen Vorverurteilungen.

28 Februar: Festspielpräsident Haselsteiner sieht in den Vorwürfen eine „Schweinerei erster Ordnung“.

1. März: Der Verein „art but fair“ erstattet bei der Innsbrucker Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Kuhn.

2. März: Die Festspiele Erl erwirken bei Gericht eine Einstweilige Verfügung gegen den erwähnten Blogger.

17. Mai: Kuhn zieht seine medienrechtliche Klage gegen den Blogger zurück. Die Zivilklage bleibt jedoch aufrecht.

6. Juli: Die heurigen Festspiele werden eröffnet. In seiner Festansprache übt Haselsteiner Kritik und nimmt Kuhn in Schutz. „Er macht noch immer keinen Hehl daraus, welche Vorlieben er hat. Und Wein, Weib und Gesang ist etwas, was wir gut nachvollziehen können“, witzelt der Festspielpräsident.

25. Juli: Fünf ehemalige Künstlerinnen klagen in einem offenen Brief sexuelle Übergriffe bzw. Missbrauch durch den künstlerischen Leiter, Gustav Kuhn, an. Sie sprechen von „anhaltendem Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen“ durch Kuhn während ihres Engagements. Es ist das erste Mal, dass sich Künstler namentlich an die Öffentlichkeit wenden.

26. Juli: Haselsteiner zeigt sich ebenfalls in einem offenen Brief „schockiert und überrascht“ und versichert, den Anschuldigungen „mit Ernsthaftigkeit und Akribie“ nachzugehen - allerdings will er das Ende der Festspiele abwarten.

29. Juli: Die heurige Festspielsaison geht mit einer Aufführung der „Götterdämmerung“, bei der Kuhn selbst am Dirigentenpult steht, zu Ende.

30 Juli: Die Künstlerinnen Julia Oesch und Mona Somm konkretisieren gegenüber der „ZIB 2“ ihre Vorwürfe.

31. Juli: Der Stiftungsvorstand tritt zusammen. Kuhn stellt seine Funktion als künstlerischer Leiter der Festspiele bis zur vollständigen Klärung mit sofortiger Wirkung ruhend.