Letztes Update am Di, 31.07.2018 17:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Festspiele Erl

Kuhn zieht sich zurück: Die Götterdämmerung des „Erlkönigs“

Mehr als 20 Jahre bestimmte „Maestro“ Gustav Kuhn die künstlerischen Geschicke der Tiroler Festspiele Erl. Wegen Vorwürfen mehrerer Künstlerinnen – die ihn des sexuellen Missbrauchs bezichtigen – zieht er sich nun vorerst zurück.

© Hans OsterauerGustav Kuhn bei der Eröffnung der Festspiele Erl Anfang Juli 2018.



Erl – Gustav Kuhn, der künstlerische Leiter der Tiroler Festspiele Erl, wird sich nach den von fünf Künstlerinnen erhobenen Vorwürfen vorerst zurückziehen. Für den in Feuilletons vielfach als „Erlkönig“ titulierten Dirigenten und Intendanten, der die Festspiele 1997 aus der Taufe gehoben hatte, könnte somit sein Schaffen in Erl nach 20 Jahren ein jähes Ende nehmen.

Eigentlich wäre sein Engagement bis 2020 gelaufen. Und für die Zeit danach sollte der 72-Jährige, wie Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner bei der Eröffnung betont hatte, dem Festival im Tiroler Unterland als Dirigent erhalten bleiben - sollte, denn wird aus dem vorläufigen Rückzug (Kuhn stellte seine Funktion bis zur vollständigen Aufklärung der Vorwürfe ruhend) ein endgültiger, dann wäre wohl das Dirigat der „Götterdämmerung“ als Abschluss der heurigen Saison sein letztes in Erl gewesen. Was nicht nur symbolträchtig wäre, sondern für Kuhn ein unrühmliches Ende einer künstlerisch beachtlichen Schaffensperiode bedeuten würde. Und sollten die Vorwürfe der Frauen zu einer Verurteilung Kuhns führen, dann wäre wohl auch der Imageschaden für die Festspiele insgesamt veritabel.

Mit Erl ging es steil bergauf

Der gebürtige Steirer, der in Salzburg aufwuchs und unter anderem bei Herbert von Karajan studiert hat, gründete die Festspiele im Jahr 1997, nachdem er bereits zuvor eine beachtliche Karriere als Dirigent hingelegt hatte. Seit seiner Eröffnung im Jahr 1998 ging es mit dem Opern- und Musikfestival steil bergauf. Die für seine werktreuen, von Regieexzessen verschonten Inszenierungen bekannten Festspiele wurden nicht nur bei Wagner-Jüngern binnen kurzer Zeit vom Geheimtipp zum Fixpunkt im Festivalkalender, sondern erfreuten sich auch beim Tiroler Publikum größter Beliebtheit.

Im Jahr 2012 - bis dahin hatte Kuhn die zehn großen Wagner-Opern in eigener Regie im Erler Passionsspielhaus dirigiert – stand nicht nur die Eröffnung des neuen Festspielhauses am Programm, sondern die Festspiele wurden um eine Wintersaison erweitert. Eine erfolgreiche Saison folgte der nächsten. Und der „Erlkönig“ wurde seinem Ruf gerecht.

Im Februar zogen dunkle Wolken auf

Bis im Februar dieses Jahres erstmals dunkle Wolken über dem Festival und Kuhn aufzogen. Ein Blogger veröffentlichte massive Vorwürfe gegen den 72-Jährigen, die von rüdem Verhalten bis zu sexuellen Übergriffen reichten. Kuhn wies dies stets zurück, bezeichnete sie in Interviews als „unhaltbare Anschuldigungen“ und verwehrte sich gegen Vorverurteilungen. Festspielpräsident Haselsteiner machte seinem „Maestro“ die Mauer und sprach von einer „Schweinerei erster Ordnung“.

Die Bombe platzte dann in Form eines offenen Briefes der fünf Künstlerinnen, zu einem Zeitpunkt, als es schien, dass sich die Aufregung um die „Causa Erl“ bereits gelegt habe: just während der laufenden Festspiele, nachdem Halselsteiner Kuhn noch bei der Eröffnung attestiert hatte, „ganz der Alte zu sein“. Folgerichtig scheint also nun, dass sich der 72-Jährige bis zur Klärung der Vorwürfe aus dem Rampenlicht zurückzieht. Ob der „Erlkönig“ seine Krone ganz verliert, werden die Ermittlungen zeigen. (TT.com, APA)

Zur Person

Gustav Kuhn wurde am 28. August 1945 in Turrach in der Steiermark geboren. Er wuchs in Salzburg auf und studierte Dirigieren bei Hans Swarowsky, Bruno Maderna und Herbert von Karajan. Gleichzeitig promovierte er in den Fächern Philosophie, Psychologie und Psychopathologie. Bereits mit 24 Jahren gewann er den ersten Preis beim internationalen Dirigierwettbewerb des ORF. Von 1970 bis 1977 war Kuhn als Chordirektor und Dirigent am Opernhaus in Istanbul tätig, danach war er 1. Kapellmeister am Opernhaus Dortmund. Es folgten zunächst Gastdirigate unter anderem in Rom, Florenz, Venedig und Zürich. An der Wiener Staatsoper debütierte er 1977 mit „Elektra“ von Richard Strauss, 1978 bei den Salzburger Festspielen, denen er bis 1997 treu blieb.

Seit 1987 ist Kuhn zudem künstlerischer Leiter des internationalen Gesangswettbewerbs „Neue Stimmen“ der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh. 1992 gründete er die Accademia di Montegral, die seit 2000 ihren Sitz im Convento dell‘Angelo, Lucca (Toskana), gefunden hat, 1997 die Festspiele in Erl.




Schlagworte