Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 06.08.2018


Impulstanz-Festival

Wenn Barmherzigkeit am seidenen Faden hängt

Jan-Fabre-Uraufführung bei Impulstanz: Der belgische Visionär erkundet das wohltätige Wirken der biblischen Figur der Dorkas.

© PeetersSolo für einen „Krieger der Schönheit“: Matteo Sedda in „The generosity of Dorcas“ von Jan Fabre.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Im vergangenen Jahr würdigte das Wiener Impuls­tanz-Festival Jan Fabre mit einer großen Personale – eine Ausstellung, die bemerkenswerte Dauerkuss-Performance und sein ironisches Heimatporträt „Belgium Rules/Belgian Roles“ zeigten eindrucksvoll die Bandbreite des Schaffens dieses zeitgenössischen Universalkünstlers.

Nun entsandte Fabre mit der Uraufführung von „The generosity of Dorcas“ einen seiner „Krieger der Schönheit“ nach Wien. Es ist der italienische Tänzer Matteo Sedda, der seit 2015 mit dem belgischen Meister zusammenarbeitet. Er ist Teil des Ensembles des aufsehenerregenden 24-Stunden-Epos „Mount Olympus“, das nach wie vor international für Furore sorgt.

Sedda steht im Zentrum des neuen Solos, einer kleinen Form, die Fabre regelmäßig von ihm verehrten Tänzern widmet. Die Wiener Hitze ist einer nach wie vor warmen Nacht gewichen, als die spät angesetzte Vorstellung am vergangenen Freitag kurz vor der Geisterstunde endet und ein begeistertes Publikum aus dem dampfenden Odeon entlässt.

55 Minuten zieht Matteo Sedda die Zuseher in den Bann seiner rasenden wie zärtlich-subtilen Tanz-Wanderung auf den Spuren der biblischen Dorkas, der ersten Frau inmitten der Jünger Jesu. Unter einem den Bühnenhimmel ausfüllenden Baldachin aus bunten Fäden, an deren Ende lange Nähnadeln hängen, entfaltet sich ein performatives Nachdenken über die Notwendigkeit von Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. War doch Dorkas, aramäisch auch Tabitha, „reich an guten Werken und Almosen, die sie gab“, wie es in der Apostelgeschichte des Neuen Testaments heißt. Sie kleidete die Armen und als sie an einer Krankheit verstarb, erweckte Petrus sie wundertätig zum Leben.

Die Bühnenmusik des belgischen Komponisten Dag Taeldeman birgt anfänglich Erinnerungen an Italo-Western der 1960er-Jahre, Sedda erscheint als ebenso priester- wie derwischhafter Pistolero, seine weiß behandschuhten Hände wie Waffen zückend. Immer wieder zieht er einen der Nadel-Fäden und vernäht diesen mit Teilen seiner schwarzen Kleidung. Stück für Stück legt er, der zeitweilig wie ein menschlicher Kreisel über die Bühne wirbelt, dazwischen kleinteilig gleichsam Bewegungs-Luft holt, die Schichten seiner Gewandung ab. Fast selbstvergessen und gleichzeitig hochkonzentriert, schwerelos und mit gestischem Humor entwickelt der virtuose Tänzer ein ergreifend kluges Solo. Fabres inszenatorische Handschrift erzeugt im Verein mit Matteo Seddas Körperäußerungen ein äußerst nachhaltiges Schau-Erlebnis.




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