Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 10.08.2018


Bühne

“Blessed“ bei Impulstanz: Dauerregen im Papp-Universum

Meg Stuarts apokalyptische Performance „Blessed“ bei Impulstanz.

© Chris Van Der BurghtVom eleganten Bonvivant zum Obdachlosen: Francisco Camacho in Meg Stuarts Choreografie „Blessed“.



Wien – Im Jahr 2005 wütete der Hurrikan Katrina im Süden der USA, mit verheerenden Folgen, vor allem für die alte Mardi-Gras-Metropole New Orleans. Es wäre zu kurz gegriffen, Meg Stuarts 2007 entstandene und nun im Rahmen des Festivals Impulstanz im Wiener Museumsquartier gezeigte Arbeit „Blessed“ einzig als Referenz an diese Heimsuchung ihrer Geburtsstadt zu begreifen.

Vielmehr ist die Erinnerung daran Auslöser eines tänzerischen Prozesses, der sich mit den stets präsenten Unwägbarkeiten menschlicher Existenz und einer Art Ausgeliefertsein an ein letztlich nicht kontrollierbares Außen beschäftigt.

Der portugiesische Performer Francisco Camacho bewegt sich anfangs sichtlich gelassen in seiner heilen Papp-Welt (Bühne: Doris Dziersk). Eine Palme, ein riesiger Schwan und ein trautes Heim bieten, begleitet von milden Tönen des Komponisten Hahn Rowe, nahezu kitschige Sicherheit – bis vom Bühnenhimmel der Regen fällt.

Derartig heftig, dass der Bonvivant im eleganten Freizeitlook in kürzester Zeit zum entwurzelten Obdachlosen inmitten eines desolaten Karton-Matsch-Infernos mutiert. Dass er sich dabei mit bunter Maske in einen Afroamerikaner verwandelt, irritiert.

Den Bühnenpfützen gleich schwillt auch die Musik bedrohlich an, dazwischen sucht Camacho, nun in durchsichtiger Regenhaut ein zeitweilig kriechendes Häuflein Elend, nach einem Platz in der Apokalypse. Schrille Reminiszenz an unbeschwerte Zeiten oder Botin eines Wunschtraumes ist die glamouröse Karnevalstänzerin (Kotomi Nishiwaki), die bewusst disharmonisch zum fröhlichen Jazz-Sound tanzt.

Nur kurz macht der Schauer Pause, zeichnet sich auf dem Gesicht des Gequälten ein Lächeln ab, bevor er sich, selbst des dünnen Mäntelchens beraubt, einem Dasein als Schmerzensmann ergibt.

70 Minuten sichtbar präziser und virtuoser Suche nach Körper-Bildern elementarer Bedrohung können dennoch nicht wahrhaft berühren. Seltsam in die Jahre gekommen wirkt „Blessed“ in seiner im Lauf der Performance enervierend apolitischen Ernsthaftigkeit. Als in ihrer Zeit wichtige Wegmarke im Schaffen der großen Choreografin Meg Stuart, die vor Kurzem den Goldenen Löwen der Tanzbiennale Venedig für ihr Lebenswerk erhalten hat, ist die Programmierung dennoch schlüssig. Schließlich präsentierte sie, als zweite Schwerpunkt-Künstlerin neben Marie Chouinard, bei Impulstanz 2018 mit zwei Uraufführungen auch aktuelle Positionen. (lietz)




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