Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 10.09.2018


Bezirk Schwaz

„Carlotas Zimmer“: Ein böser Traum, der nicht endet

Das Monodrama „Carlotas Zimmer“ von Arturo Fuentes erlebte seine Uraufführung. Die Geschichte Charlotte von Mexikos als beklemmendes Porträt im experimentell-musikalischen Gewand.

© Carla VeltmanSarah Maria Sun (ganz links) singt sich ihren Schmerz vom Leib. Das Ensemble „Klangforum Wien“ sorgt für den düsteren Soundtrack.



Von Markus Schramek

Schwaz – Entspannungsprogramm ist das keines. Schon eher ein Clash von Gefühlen. Aus der heilen Welt eines lauen Tiroler Abends, die Schaufenster geschlossener Konsumtempel hinter sich lassend, taucht der Besucher ein in die dunkel-düstere Bühnenatmosphäre des Silbersaals im Schwazer Groß- und Mehrzweckbau SZentrum. Die Welt, wie wir sie kennen, bleibt draußen.

Bald schon macht sich ein Gefühl des Ausgeliefertseins breit und wachsende Beklemmung. Denn auf der Bühne wird, nach den Regeln theatralischer Kunst, die Ausweglosigkeit eines menschlichen Schicksals in Szene gesetzt.

Die deutsche Sopranistin Sarah Maria Sun ist die Zentralgestalt dieses Monodramas. „Carlotas Zimmer“, am Samstag bei den Schwazer Klangspuren uraufgeführt, ist auf sie zugeschnitten.

Sun gibt, einem Lamento gleich, Wortfetzen und Schmerzenslaute in höchsten Tönen wieder, unermessliches Leid vermittelnd. Sie verkörpert Charlotte (spanisch Carlota) von Belgien.

Unerhört ist deren Story und fast auch vergessen. Als Frau von Habsburger-Spross Maximilan I. stieg Charlotte 1864 zur Kaiserin von Mexiko auf. Doch das Abenteuer fern der Heimat misslang. Maximilian wurde von der mexikanischen Gegenregierung vom Thron gestoßen und getötet. Charlotte erfuhr davon in Europa. Sie war heimgekehrt, um militärischen Beistand für den Gemahl zu erbitten.

Charlotte (1840–1927) überlebte den Gespons um 60 Jahre. Doch in welchem Zustand? Geistig umnachtet oder gar vollends verrückt? Jedenfalls getrieben von Todesangst. Im Goldenen Käfig herrschaftlicher Ansitze verbrachte sie die Jahrzehnte: vereinsamt, allein, ihrem „Max“ auf das Tiefste endlos verbunden.

Von Arturo Fuentes, einem Mexikaner, der in Tirol Wurzeln geschlagen hat, stammen die Ideen für Bühne und Regie und vor allem die Musik zu „Carlotas Zimmer“. Das Ensemble Klangforum Wien arbeitet sich an den Notenvorlagen ab, kräftig und stets bedrohlich im Grundton, keine klangliche Graustufe auslassend. Das von Johannes Kalitzke präzise geführte Musikerteam kreiert den perfekten Soundtrack: dämonische Sequenzen eines bösen Traums, aus dem es kein Erwachen gibt. Platz für Heile-Welt-Melodien bleibt da nicht. Unerbittlich liegen die Instrumente im Wettstreit. Die schüchtern angedeutete Lieblich-Phrase einer Harfe wird vom drängenden Bläserset im Keim erstickt.

Sängerin Sun stemmt sich der musikalischen Macht mit Vehemenz entgegen. Ihre Verbitterung und ihr Kummer sind in allen Phasen fast schon physisch spürbar. Zur Einordnung des Geschehens rezitiert sie Fragmente aus dem Roman „Nachrichten aus dem Imperium“. Autor Fernando del Paso hat Charlottes Geschichte 1986 episch breit aufbereitet.

Das Publikum quittiert das Stück mit viel Beifall und manchem Bravo. Zurück in der realen Welt tut ein Gläschen Not – zum Runterkommen. „Carlotas Zimmer“ ist eine Herausforderung, für das Künstlerpersonal und seine Beiwohner gleichermaßen.