Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 20.10.2018


Wien

Die Demokratie ist ein Grundnahrungsmittel

Hans Kelsens lebenslanger „Verteidigung der Demokratie“ widmet Christine Eder ihre neue „Politshow“ am Volkstheater.

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© Josefstadt



Von Bernadette Lietzow

Wien – Nachdenken, die inneren Ärmel aufkrempeln und ausziehen, eine heiß umfehdet­e, wild umstrittene und gegenwärtig weltweit in Frag­e gestellte Errungenschaft zu schützen. Es geht um das bedrohte Prinzip Demokratie, das Christine Eder in der nun im Wiener Volkstheater uraufgeführten „Politshow“ zur Diskussion stellt.

Schon mit der 2016 in Anna Badoras Haus gezeigten Revue zur Historie der österreichischen Sozialdemokratie „Alles Walzer, alles brennt“ gelang der Versuch, Ideengeschichte und Politik bühnenwirksam zu vermitteln. Neuerlich hat sie für das Projekt „Verteidigung der Demokratie“ die öster­reichische Musikerin und Komponistin Eva Jantschitsch aka Gustav ins Boot geholt, auch vier der fünf Darsteller sind bereits mit der Arbeit der Regisseurin vertraut. Das macht sich bezahlt, geht dieser vordergründig thematisch noch diffizilere Abend doch geschmeidig in spannenden hundert Minuten vorüber, mit langanhaltender Wirkung.

Im Mittelpunkt steht der österreichische Rechtswissenschafter Hans Kelsen (1881 bis 1973), einer der maßgeblichen Väter der in ihren Grundzügen noch heute gültigen Bundesverfassung. Seiner Biografie folgend, die den Gelehrten von Wien nach Köln, von Prag nach Genf, ins Exil nach Nordamerika und bis nach Chile führt, werden im Widerstreit mit andersdenkenden Kollegen wie Friedrich von Hayek oder Ludwig von Mises dessen Theorien zu Wesen und Wert der Demokratie vorgestellt. Mit eindringlichen Praxisbeispielen, was passiert, wenn man Vorzeichen von deren Unterwanderung leichtfertig übersieht. Kelsen versteht die parlamentarische Demokratie als „Ruhepunkt, zu dem das nach rechts und links ausschlagende politische Pendel immer wieder zurückkehren muss“.

Christine Eder gibt diesen Gedanken dem – im Übrigen begeisterten – Publikum am Schluss mit auf den Weg. Vor einer riesigen Wand aus Kartonkisten, die wie das fragil­e Gebäude der von Kelsen verteidigten Staatsform löchrig werden und einstürzen kann (Bühne: Monika Rovan), schlüpft Christoph Rothenbuchner in die Rolle des Wissenschafters. Sekundiert von Birgit Stöger, Katharina Klar, Thomas Frank und Nils Hohenhövel, die unterschiedliche Positionen, politische Player und Rechtstheoretiker darstellen, wird deutlich gemacht, dass Demokratiebegriff und Freiheit gleichsam Synonyme sind. Verdienstvoll webt Christine Eder zudem noch ein­e kleine Geschichte des Neoliberalismus ein, auf dessen geistiger Gehaltsliste eine ganz­e Reihe aktiver Politiker und Regierungschefs stehen – mit Folgen, an denen die nächst­e Generation noch schwer zu tragen haben wird. Eine kritische Reflexion darüber schiebt sie mit ihrer verdienstvollen Arbeit an. Eva Jantschitsch entwickelte den Soundtrack und kommentiert die Textcollage mit ihren von Elektrobeat und geschickt verfremdeten Anleihen bei Chris Imler oder Nino de Angelo (Jenseits von Eden!) satten Liedern. Ihre Texte verdichten kongenial die rechtsphilosophischen Inhalte, ihre starke Stimme liefert eine willkommene andere Dimension. Bald jährt sich die Republiksgründung zum 100. Mal – das Volkstheater mahnt mit einem bemerkenswerten Beitrag.

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