Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 24.11.2018


Bühne

Vaterliebe zwischen Politik und falschen Freunden

Mit „Simon Boccanegra“ hat heute Samstag eine der gefühlsintensivsten Opern Giuseppe Verdis am Tiroler Landestheater Premiere.

Im Genueser Senat: der Doge (K. Manolov) zwischen dem Liebespaar Gabriele (V. Antipenko) und Amelia (B. Ismatullaeva).

© Larl/TLTIm Genueser Senat: der Doge (K. Manolov) zwischen dem Liebespaar Gabriele (V. Antipenko) und Amelia (B. Ismatullaeva).



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Die drei großen Opern des 19. Jahrhunderts, die in dieser Saison vom Tiroler Landestheater präsentiert werden, haben eines gemeinsam: Sie wurden zuerst abgelehnt. Georges Bizets unkonventionelle „Carmen“ war 1875 bei der Uraufführung in der Pariser Opéra-Comique ebenso ein Flop wie 18 Jahr­e zuvor, 1857 im La Fenice von Venedig, Giuseppe Verdis „Simon Boccanegra“. Die Goethe-Vertonung „Mignon“ von Ambroise Thomas erfuhr 1866 an der Opéra-Comique guten Zuspruch, in Deutschland aber Ablehnung.

Verdis so eindringlicher, so genialer „Simon Boccanegra“ blieb viel zu lange ein Problemfall. Am wirren Libretto allein kann es nicht liegen, da haben ja schon Verdis frühere Opern einiges zu bieten. Das Werk blieb nach 1857 liegen, bis Verdis Verleger Riccordi den Komponisten zur Überarbeitung überredete. Diese zweite, heute übliche Fassung hatte 1881 an der Mailänder Scala besseres Echo, bedeutete aber keinen Durchbruch.

Inzwischen ist „Simon Bocca­negra“ auf den Spielplänen zu finden, wenn auch im Ranking nicht auf Spitzenplätzen. In einer „Simone-Welle“ gibt es u. a. gegenwärtig Aufführungen am Londoner Covent Garden, in der Pariser Bastille Opéra, in Karlsruhe sowie 2019 in Budapest, Wien, Hagen, Mainz, Darmstadt, St. Petersburg, bei den Salzburger Festspielen und am Ort des Geschehens, in Genua. 1977 war das Werk bereits am Tiroler Landestheater zu erleben, heute Samstag ist hier erneut Premiere.

Die Geschichte des Dogen Simone Boccanegra, einer historischen Figur des 14. Jahrhunderts, hat Verdi stark politisch unterfüttert. Lichtstrahlen in die von tiefen Männerstimmen dominierte, in heftigen Gefühlsregungen dunkel aufwühlende Szene bringt die Vater-Tochter-Beziehung. Das Melodrama in einem Prolog und drei Akten umspannt 24 Jahre, von der Ernennung Simons zum Dogen bis zu seiner Ermordung. Regisseur Thilo Reinhardt und der Innsbrucker Bühnenbildner Paul Zoller, das Team der aufsehenerregenden „Rusalka“ am Tiroler Landestheater, waren wieder am Werk, Musikalischer Leiter ist Francesco Rosa, der in der vergangenen Spielzeit hier „La Gioconda“ dirigiert­e. Die Besetzung bringt mit Kiril Manolov (Titelrolle) und Barno Ismatullaeva (Amelia) an der Spitze mehrere interessante Vokaldebüts.