Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 01.12.2018


Bühne

Der Spießer Späße unter Luftabschluss

Habjan und seine Puppen zeigen Werner Schwabs „Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“.

© Georg SoulekHabjan und seine Puppen zeigen Werner Schwabs „Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“.



Wien – Gespannte Erwartung im Akademietheater: Die Idee scheint bestechend, Werner Schwabs Drama „Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“ vom Puppenspieler Nikolaus Habjan und einem kleinen hochkarätigen Ensemble, das gleichsam in die Klappmaulpuppen schlüpft, erzählen zu lassen. Faszinierend anzusehen sind diese grellen Puppen-Menschen allemal, wie sie mit den jeweiligen Spielern verschmelzen und sich gegenseitig Gestalt wie Stimme verleihen. Zu kurz kommt dabei Schwabs Stück, das der tragisch früh am Raubbau seiner selbst zugrunde gegangene Dichter der hässlichen Kehrseite des robusten, österreichischen Biedersinns gewidmet hat. Im abgewohnten Grazer Zinshaus residiert ein albtraumhafter Menschenzoo, der jedoch nichts anderes ist als die berühmte „kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“. Missbrauch und Unterdrückung, Gewalt und Lebenslügen sind die Ingredienzien des Familienlebens von Mutter Wurm (Dorothee Hartinger) und ihres verkrüppelten Künstlersohnes Hermann (Nikolaus Habjan). Gesellschaftlich wie örtlich etwas erhöht wohnt die Familie Kovacic, der Vater (zugleich Tochter Desiree: Sarah Viktoria Frick) vergeht sich regelmäßig an den Töchtern, die Mutter (zugleich Tochter Bianca: Alexandra Henkel) am Eierlikör. Sie alle, inklusive des ärmlichen Hausrats der Wurms und des Kovacic-Kitsches hat Regisseur Habjan in eine große Blase packen lassen (Bühne: Jakob Brossmann), über der die Hausbesitzerin Frau Grollfeuer (Barbara Petritsch) dem Wodka und der Abscheu vor den „Untermenschen“ zuspricht. Sie macht ihnen den Garaus und serviert den wie beim biblischen letzten Abendmahl Angetretenen unter Konfetti-Explosionen vergifteten Kuchen. Stoff genug, um mit den vom Ensemble beeindruckend geführten Puppen ein Fest der Verfremdung zu feiern und Schwabs Kunstsprache eine weitere Dimension hinzuzufügen. Dies gelingt definitiv nicht, zäh tröpfelt der Abend und die bestechenden Tiraden-Gebäude, die der Autor jeder der von ihm liebevoll gehegten Figuren schenkt, verpuffen im immer offensichtlicheren Vakuum zwischen Puppe und Schauspieler. Das Fehlen einer radikalen Zuneigung der Regie zum Schwab’schen Personal ist die Leerstelle dieser Premiere. (lietz)