Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 03.12.2018


Bühne

“Schöne Bescherungen“ am Burgtheater: Nicht nur zur Weihnachtszeit

Adventpremiere am Burgtheater: Für Alan Ayckbourns „Schöne Bescherungen“ wagt sich ein beherztes Ensemble ins große Familienfest-Kampfgetümmel.

Am Burgtheater geht es britisch-weihnachtlich und pannenreich in Richtung Fest der Liebe.

© Reinhard Werner/BurgtheaterAm Burgtheater geht es britisch-weihnachtlich und pannenreich in Richtung Fest der Liebe.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Schriller die Glöcklein nie klingen als an den Weihnachtsfeiertagen. Mit jährlich wiederkehrender Regelmäßigkeit warnen Psychologen und andere Experten des menschlichen Miteinanders schon im Vorfeld des großen Festes vor familiären Entgleisungen. Ebenso alle Jahre wieder wird danach Bilanz gezogen, wie viele Opfer die stille Zeit im Kreise der Lieben neuerlich gefordert hat.

Eher besinnungslos statt besinnlich geht es auch bei den Bunkers zu: Stichwort klassische Mittelschicht-Familie mit gemütlich-gewöhnlichem Eigenheim in einer englischen Provinzstadt. Nach guter Tradition schwört sich der zum Fest der Liebe um einige Personen erweiterte Kreis auf die gut getimte Zufuhr von Hochprozentigem zur Aufrechterhaltung eines geordneten Harmonie-Pegelstandes ein. Allein, das Unternehmen „drei Tage trautes Heim im Windschatten des Lichterbaumes“ geht gründlich schief. Schief, weil viel zu hoch, ist schon der die Diele dominierende Christbaum, schief läuft es auch in der (nicht einsehbaren) Küche, wo Phyllis (Maria Happel) bei der Zubereitung des Lammbratens viel zu tief in die Kochwein-Flasche geschaut hat. Bernard (Michael Maertens), Allgemeinmediziner der eher unbegabten Art und Kummer gewohnter Ehemann, hat zwischen Essens- und Gattinnen-Rettung alle Hände voll zu tun. Die attraktive Belinda (Katharina Lorenz), frustriert von ihrem Leben zwischen Kindern, Küche und ihrem bis an die Grenzen des Autismus staubtrockenen Mann Neville (Nicholas Ofczarek), erlebt schon zu Beginn die klassische Verzweiflungsattacke gestresster Hausfrauen. Dazwischen nervt der militaristische Onkel Harvey (Falk Rockstroh), der die übrigens nicht auf der Bühne vertretenen Kinder allesamt mit Spielzeug-Schusswaffen beglückt. Berufsversager Eddie (Tino Hillebrand) und seine hochschwangere Frau Pattie (Marie-Luise Stockinger), Belindas Schwester, die verklemmt-alternative Rachel (Dörte Lyssewski) und deren Gast, der allerlei Begehrlichkeiten auslösende Schriftsteller Clive (Fabian Krüger), komplettieren das recht vielschichtige Komödienpersonal, das Sir Alan Ayckbourn zur amüsanten Illustration des ganz normale Irrsinns menschlichen Zusammenseins geschaffen hat.

Großartige Schauspieler, eine die jeweiligen Charaktere perfekt ergänzende Garderobe (Esther Geremus) sowie eine liebevoll-detailreiche Bühne (Bettina Meyer) können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem Abend das große Ganze fehlt.

Barbara Frey, Intendantin des Zürcher Schauspielhauses, gelingen in ihrer Konzeption jedoch meisterhaft-komische wie alarmierende Einzelszenen: Michael Maertens’ desaströse Puppenspiel-Probe ruft zu Recht Lachstürme hervor, Belindas spätnächtliche Annäherung an Clive ist ein Paradebeispiel vertrackter Romantik, Happels alkoholgeschwängerter Durchhaltewillen beeindruckt – und doch muss man dem Premierenabend eine gewisse Zähigkeit attestieren. Ein etwas fragmentarisches Glanzstück, trotzdem sehenswert.