Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.12.2018


Exklusiv

Johannes Maria Staud: „Mit Musik eine starke Waffe in der Hand“

„Die Weiden“, Johannes Maria Stauds dritte Oper, wird am Samstag an der Staatsoper uraufgeführt. Der Tiroler Komponist im Gespräch über seinen Heimatbegriff, das Anrecht auf Steuergeld und die Festspiele Erl.

© APA/HERBERT NEUBAUERJohannes Maria Staud ortet in seiner Tiroler Heimat eine lebendige Musikszene, aber keine großen Festspiele.



In „Die Weiden" reist ein frisch verliebtes Paar, die Philosophin Lea und der Künstler Peter, in einem Kanu auf einem großen Strom durch Peters Heimat. Auch ein Demagoge hat seinen Auftritt, und am Ende schwillt der Strom immer gefährlicher an. Was wollten Sie in Ihrem Stück thematisieren?

Johannes Maria Staud: Es geht um Heimat, Fremde, um Ressentiments. Im Zentrum stehen zwei Menschen, denen es die Zeitumstände unmöglich machen, sich zu lieben. Dabei spielt auch die Herkunft eine Rolle. Leas Vorfahren wurden einst vertrieben, Peter lebt in diesem Land am Strom. Die Konfrontation einer Tochter von Emigranten mit einem Nachfahren von Tätern finde ich spannend. Heute wird immer von Heimat gesprochen. Doch unsere Heimat, Mitteleuropa, ist ein Land, aus dem viele vertrieben, in dem viele ermordet wurden. Die Grenzen haben sich immer wieder verschoben. Wenn man sagt, meine Familie ist hier seit der Völkerwanderung heimisch, finde ich das zweifelhaft. Wenn sich die Umstände ändern, könnte jeder zur Flucht gezwungen sein. Das vergessen viele, wenn sie über Heimat reden.

Das Libretto hat wieder Durs Grünbein geschrieben. Wie politisch kann und darf eine Oper sein?

Staud: Uns hat vor allem interessiert, was mit den „Angr­y White Men" passiert. Das ist ja kein österreichisches Phänome­n. Man braucht nur in die USA zu schauen, wo in den Städten mehrheitlich demokratisch und in den Agrarregionen republikanisch gewählt wird. Aber ich bin kein Politiker, kein Journalist, kein Rechercheur. Ich versuche Dinge, die mich beschäftigen, künstlerisch zu verarbeiten. Man schreibt lange an einer Oper und überlegt, ob sie auch noch in 50 Jahren funktioniert. Es ist kein tagespolitisches Intervenieren. Obwohl das jetzt so aussieht, weil sich die Verhältnisse enorm beschleunigt haben. Denn die Hassspirale wird ganz gezielt von Demagogen gesteuert.

Was kann man mit Oper überhaupt erreichen?

Staud: In dem Moment, wo ich eine Oper komponiere, ist Musik nicht mehr ab­strakt und puristisch. Das war nie anders. Giuseppe Verdi, ein großes Vorbild, war ein immanent politischer Komponist, der etwa bei Shake­spearestoffen fündig wurde, um Zeitkritik zu üben. Wenn Text, Literatur, Bühne, Szene, Intention dazutreten, positioniert man sich und kann mit Musik suggestiv arbeiten. Es gibt keine politische Partei, die nicht beim Auftritt ihres Spitzenkandidaten Musik spielt. In Diktaturen war Musik immer ein wichtiges Medium. Insofern hat man eine starke Waffe in der Hand.

Sie haben erklärt, bewusst eine „Oper" zu schreiben. Sie führen die Form weiter?

Staud: Wenn man ein Libretto entwickelt, baut es auch irgendwie auf tradierten Strukturen auf. Das ist wichtig. Menschen singen allein, zu zweit, es geht um Spannungsaufbau, es gibt Ensembleszenen, Chor, rein instrumentale Stellen. Es kommt darauf an, wie man das einsetzt. Ich fülle die Form ja nicht postmodern mit großer Oper.

Wie sehen Sie den Zustand der Oper heute?

Staud: Das Werkzeug, damit die Gattung nicht museal wird, ist die Uraufführung. Ich sehe weit und breit keine Krise der zeitgenössischen Musik. Die Säle etwa bei „Wien Modern" sind voll. Die Staatsoper hat in den letzten Saisonen Aribert Reimann, Thomas Adès, Péter Eötvös gespielt, es kommt Manfred Trojahns „Orest" und eine neue Oper von Olga Neuwirth. Es gibt viele kleinere Gruppen wie die Neue Oper Wien, die tolle Produktionen zeigen. Das Bedürfnis ist da. Und auch eine Minderheit hat ein Anrecht, etwas für ihr Steuergeld zu bekommen. Die Politik ist ja kein Almosengeber, sie verteilt ja nicht aus ihrer Privatschatulle und soll deshalb ihre persönliche Meinung hintanstellen.

Sie wurden in Tirol geboren, sind zum Studium nach Wien, haben internationale Karriere gemacht. Wie halten Sie es selbst mit der Heimat?

Staud: Ich bin immer wieder in Tirol, habe Familie, Freunde dort, und von den landschaftlichen Schönheiten brauche ich gar nicht zu reden. Es gibt in Tirol auch eine lebendige Musikszene, in der Alten Musik, in der Neuen und dazwischen. Es gibt tolle Komponisten, etwa Bernhard Gander, Hannes Kerschbaumer, Arturo Fuentes oder Thomas Larcher. Tirol hat die Klangspuren in Schwaz, die Galerie St. Barbara, das Osterfestival. Es ist ein bedeutendes Zentrum für Alte Musik — und es hat keine großen Festspiele! Das sage ich bewusst. Denn wenn man sich anschaut, in welchem künstlerischen und menschlichen Zustand die Festspiele Erl sind, dann ist das nicht ernst zu nehmen.

Das Gespräch führte Stefan Musil

Zur Person

Johannes Maria Staud wurde 1974 in Innsbruck geboren. Er studierte Komposition, Musiktheorie und Musikwissenschaft in Wien und Berlin. Für seine Werke ist Staud mehrfach ausgezeichnet worden, so mit dem Hindemith-Preis (2009) oder dem Preis der Landeshauptstadt Innsbruck für künstlerisches Schaffen (2016). „Die Weiden" ist Stauds dritte Oper nach „Berenice" (2004) und „Die Antilope" (2014).