Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 10.12.2018


Bühne

Eine Bootsfahrt ist nicht lustig

„Die Weiden“, die neue, durchwegs publikumsfreundliche Oper von Johannes Maria Staud und Durs Grünbein, wurde an der Wiener Staatsoper unter Ingo Metzmacher erfolgreich uraufgeführt.

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© Wiener Staatsoper/Pöhn



Von Stefan Musil

Wien – Filmisch, mit einem Zoom in New Yorks Hochhausschluchten, blendet sich der Abend ein. In einem Appartement wohnt dort die junge jüdische Philosophin Lea mit ihren Eltern. Doch sie will zurück ins Land, das einst die Heimat ihrer Familie war. An den großen Strom irgendwo in Zentraleuropa, der natürlich die Donau meint. Lea hat sich in Peter, einen Künstler, verliebt, der aus diesem Land am Strom stammt.

Dort, wo sich die Menschen einst in Wesen mit Fischköpfen verwandelten, die alles Fremde, alles „Andersstämmige“ ablehnten. So sagt es die „Legende von den Karpfenmenschen“, die Lea von ihren Eltern (Monika Bohinec, Herbert Lippert) singend und tanzend vorgetragen bekommt. Dazu swingt eine Combo flotte, Klezmer-verbrämte Rhythmen.

So und einigermaßen überraschend beginnt sie, die neue, die dritte Oper, die der 1974 in Innsbruck geborene Johannes Maria Staud mit seinem Librettisten Durs Grünbein vorgelegt hat.

Es ist die erste Uraufführung der Ära von Staatsoperndirektor Dominique Meyer. Ein Auftragswerk, das viel Aufmerksamkeit im Vorfeld erregte. Eine Uraufführung, die rund über die Bühne und nur mit ein paar wenigen Buhs gegen viele Bravi für den Komponisten zu Ende ging. Eine Uraufführung, die aber doch auch zwiespältigen Eindruck hinterließ, mehr um ihr Anliegen mäanderte, als tatsächlich mit ihrem heimlichen Hauptprotagonisten, dem großen Strom, auch den nötigen Sog zu entwickeln.

Auf diesem Strom fahren Lea und Peter im Kanu dem Ende ihrer von Beginn an unmöglichen Beziehung entgegen. Den Weg säumen engstirnige Menschen, nationalistische Geister, schießwütige Bürger, eine aufgeregte Fernsehreporterin, ein faschistoider Komponist, ein Bierzeltreden rülpsender Demagoge und immer mehr sich zu Karpfen verwandelnde Menschen. Dazu schwillt der Strom immer größer und brauner an, bis er über die Ufer tritt. Am Ende ist die Natur „zum Sprachrohr der Opfer des großen politischen Gewaltverbrechens an diesem Strom“ geworden. Lea steht inmitten der in schlammige Fetzen gehüllten Deportierten und trifft auf ihre ermordeten Ahnen.

Staud und Grünbein haben viel versucht. Akute Gegenwart und dunkle Vergangenheit in eine länger gültige Oper zu bekommen, brennende Fragen zu Heimat, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsruck, Demagogie in eine Parabel voller Metaphern zu packen. Ob Oper tatsächlich so viel verträgt? Die oft poetisch gemeinten Sätze des Librettos machen die Gegenwart nicht zeitloser, muten streckenweise vor allem simpel und oft zu banal nebensächlich an. Erstaunlich auch, wie die Gattung selbst verstanden wird. Es wird viel gesprochen, es gibt Sprechrollen, dennoch bemüht Staud auch konventionelle Formen, bietet Arioses, Duette, beeindruckt im Schluss­chor. Er bedient sich aber, nicht nur bei der Karpfenlegende zu Beginn, auch bei der Hochzeit von Kitty und Edgar, einem Schulfreund Peters, offenherzig plakativ an Popklängen. Genauso wie er Richard Wagner zitiert, etwa „Tristan“ und die „Meistersinger“, wenn Korporierte in ihrer Tracht die Hochzeit stürmen. Staud nutzt auch Elektronik, lässt den Demagogen plötzlich wie einen Fisch blubbern, lässt es strömen und tönen und rauschen. Viele Stilmittel, die sich im Gesamten nicht immer schlüssig verbinden.

Vor allem sind es dann Stauds Musiken ohne Text, jene Stellen für Orchester, in die sich oft Live-Elektronik einmischt, die eine beeindruckende, klanglich originelle, atmosphärisch dichte, auch faszinierend unheimliche Kraft entwickeln. All das wird vom Staatsopernorchester und dem SWR Experimentalstudio unter dem souveränen Ingo Metzmacher großartig realisiert.

Mit vielen Filmprojektionen, einer doppelten Drehbühne, einem schwebenden Kanu (Bühne: Jan Pappelbaum) stellt Regisseurin Andrea Moses die Novität routiniert, vor allem aber pragmatisch realistisch und nicht übermäßig visionär auf die Bühne. Dem Ganzen hätte ein wenig fantastisch-surreale Überhöhung sicher besser gestanden. Das durchgehend hervorragende Ensemble spielt mit beeindruckendem Einsatz mit. An erster Stelle Rachel Frenkel als Lichtgestalt Lea und der kernige Tomasz Konieczny als Peter. Thomas Ebenstein und Andrea Carroll streiten sich als Edgar und Kitty gekonnt, bis sie von den Fluten verschlungen werden. Wolfgang Bankl gibt dem Demagogen und dem Oberförster gefährliche Gestalt. Mit Udo Samel als schmierig-garstigem Komponisten und Sylvie Rohrer als aufgeregter TV-Reporterin sind auch die beiden zentralen Sprechrollen prominent besetzt. Man darf der Staatsoper jedenfalls zum gut umgesetzten, publikumsverträglichen, neuen Opernwurf gratulieren. Wie lebensfähig er ist, und ob die Welt daran gesunden wird, muss sich erst weisen.




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