Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.12.2018


Exklusiv

Existenzangst und Angst: Aufregung in der Theaterszene

Auch in freien Produktionen müssen Schauspieler angestellt werden. Professionelles Theatermachen wird dadurch in Zeiten stagnierender Kulturbudgets beträchtlich teurer.

© Vanessa Rachlé / TT



Von Joachim Leitner und Markus Schramek

Innsbruck – In der Tiroler Theaterszene macht sich große Unsicherheit breit, ja sogar Existenzangst. Betroffen sind die so genannten freien Bühnen: professionelles Theater, getragen von Vereinen und Ehrenamtlichen, unterstützt mit Förderungen der öffentlichen Hand – und zumeist ohne jeden finanziellen Spielraum.

Sie alle stehen vor einem Problem: Schauspieler, die bisher als Selbstständige auf Basis von Werkverträgen beschäftigt wurden, müssten nach der geltenden Rechtslage wie Dienstnehmer angestellt und sozialversichert werden. Theoretisch trat diese Regelung mit der Reform des Arbeitsgesetzes 2011 in Kraft. Praktisch umgesetzt wurde sie in den Theatern nach und nach. Auch, weil die Produktionen dadurch beträchtlich teurer wurden als vorab budgetiert. Gehandhabt wurde die Vorgabe vielfach nach dem Motto „Wo kein Kläger, da kein Richter“. Zuletzt allerdings wurde auch in Tirol vereinzelt geprüft. Seither ist die Sorge groß.

Das Thema betrifft kleine und mittelgroße Schauspielhäuser in ganz Österreich, aber auch professionelle Schauspielgruppen ohne feste Spielstätte. Entsprechend groß ist auch schon der politische Druck.

Die Kulturreferenten der Bundesländer haben sich kürzlich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt und die heiße Kartoffel an die zuständige Stelle weiterdelegiert: Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) wird um eine österreichweite Lösung ersucht – wenn möglich in Form einer Ausnahme von der Versicherungspflicht für Schauspieler.

„Es ergibt keinen Sinn, wenn Theatervereine mit Landesförderungen Sozialabgaben bezahlen“, verdeutlicht Tirols Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) den Kern der Problematik. „Letztlich würde es beim Programm zu Kürzungen kommen, weil hier das Geld dann fehlt“, so Palfrader. Anders formuliert: Die Schauspieler seien zwar ordnungsgemäß angemeldet, Auftritte gebe es für sie aber weniger.

Palfrader lässt derzeit erheben, wie viele Theater und Schauspieler in Tirol überhaupt betroffen sind. Dass das Land einspringt und zusätzliche Personalkosten übernimmt, ist aber kaum vorstellbar. Das Budget für 2019 steht und wird kommende Woche beschlossen.

Besonders aufgeregt wird das Thema in Innsbruck diskutiert. Schließlich ist die freie Theaterszene in der Landeshauptstadt vielfältig, zwischen dem alteingesessenen Kellertheater und dem experimentellen Vorbrenner-Programm im Brux tummeln sich nicht weniger als zwölf professionelle Theatervereine. Dass es dabei bisweilen zu personellen Überschneidungen kommt, führt unweigerlich zum nächsten Problem: Schauspielerinnen und Schauspieler, die im selben Zeitraum in mehreren Produktionen engagiert sind, sind mehrfach angemeldet – und dementsprechend mehrfachversichert.

Künftig soll die Anmeldepflicht von Schauspielern in den Subventionsrichtlinien besonders hervorgehoben werden. Im Kulturamt der Stadt rechnet man mit höheren Personalkosten. Doch mit einer Anhebung des Kulturbudgets ist auch in Innsbruck nicht zu rechnen. Daher wird derzeit darüber nachgedacht, das traditionell alle zwei Jahre stattfindende Freie Theaterfestival vorübergehend auszusetzen, um mit dem dadurch gesparten Geld einzelne Produktionen mitzufinanzieren. Eine langfristige Lösung freilich kann auch das nicht sein.