Letztes Update am Sa, 15.12.2018 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Haselsteiner im TT-Interview: „Ich halte Kuhn für keinen Heiligen“

Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner präsentierte das kommende Erl-Programm – erstmals in Abwesenheit seines Freundes Gustav Kuhn. Dessen Rücktritt infolge schwerer Vorwürfe schmerzt Haselsteiner noch immer.

Hans Peter Haselsteiner hat im Zuge der Causa Kuhn auch ans Aufhören als Erl-Präsident gedacht.

© MühlangerHans Peter Haselsteiner hat im Zuge der Causa Kuhn auch ans Aufhören als Erl-Präsident gedacht.



Von Markus Schramek

Erl – „Die Festspiele Erl haben stürmische Zeiten hinter sich“, bilanzierte gestern Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner. Wahrlich keine Übertreibung: Gustav Kuhn, Gründer, Dirigent und Intendant und vormals Alleinherrscher im Festspielhaus, wurde aus dem Amt gefegt. Mehrere Künstlerinnen legen dem 73-Jährigen Maestro sexuelle Übergriffe zur Last. Staatsanwalt und Gleichbehandlungskommission ermitteln.

Bernd Loebe, der Direktor der Oper Frankfurt, wird Kuhn mit September 2019 als Erl-Intendant ablösen. Bis dahin leitet Andreas Leisner das Haus interimistisch. An der Seite Haselsteiners präsentierte Leisner gestern das Programm für den Erler Festspielsommer 2019 (Details im Kasten unten).

Haselsteiner (74) verabsäumte es dabei nicht, seinem abwesenden Freund die Reverenz zu erweisen: „Gustav Kuhn wird in diesem Haus immer einen hohen Stellenwert haben.“ Ein Schlussstrich unter die Ära Kuhns, dem Haselsteiner „ein Verfahren mit hoffentlich fairem Ergebnis“ wünscht, sei nötig gewesen. „Aus jeder Katastrophe ergibt sich eine Chance“, beschrieb Haselsteiner den angestrebten Neubeginn bildhaft.

Am Rande des gestrigen Termins entstand das folgende Interview.

Würden Sie im Rückblick auf die Causa Kuhn heute anders vorgehen?

Hans Peter Haselsteiner: Ich war mehr ein Getriebener als ein Gestaltender. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu tun, was ich getan habe.

Fünf Künstlerinnen bezichtigen Kuhn des sexuellen Übergriffs. Beobachter konnten sich des Eindrucks nicht erwehren, Sie hätten diese Vorwürfe lange Zeit nicht ernst genommen?

Haselsteiner: Ich halte Kuhn für keinen Heiligen, ganz im Gegenteil. Ich kenne aber vier der fünf Künstlerinnen, die an die Öffentlichkeit gegangen sind, zu gut. Ich relativiere das alles für mich. Ich habe gesehen, wie sie sich gegenüber dem Kuhn verhalten haben. Ich habe andere Kenntnisse und einen anderen Blickwinkel. Vielleicht ist deshalb dieser Eindruck entstanden, dass ich es nicht so ernst genommen habe.

Hätten Sie nicht früher handeln müssen, um die Festspiele vor Schaden zu bewahren?

Haselsteiner: Dass Kuhn mit großer Wahrscheinlichkeit eine Grenze überschritten hat, ist unbestritten. Das reicht aber nicht aus, um so radikal den Stab über ihn zu brechen. Ich habe ihn schnell als Intendanten abberufen. Denn nur wer Stellen besetzt, kann seine Macht missbrauchen. Als Dirigent kann Kuhn kein Orchester besetzen. Ihm das Dirigat zu nehmen, habe ich als Vorverurteilung empfunden. Das hat mich für ihn und die Festspiele geschmerzt.

Kuhns Vertrag läuft eigentlich noch bis Sommer 2020. Bekommt er bis dahin noch ein Gehalt von den Festspielen?

Haselsteiner: Nein. Kuhn hält sich in Italien auf. Er leidet, es geht ihm nicht gut.

Der Frankfurter Operndirektor Bernd Loebe wurde zum Nachfolger Kuhns als Erl-Intendant bestellt. Sie haben Loebe gebeten, sich zu bewerben. Warum gerade Loebe, der Erl zusätzlich zu Frankfurt leiten wird?

Haselsteiner: Ich kenne Loebe seit vielen Jahren. Er ist ein Kontrastprogramm zu Kuhn, ein ganz anderer Typ von Mann, ein anerkannter Opernexperte. Mit ihm kehrt Ruhe im Festspielhaus ein.

Der Tiroler Komponist Johannes Maria Staud hat gemeint, die Festspiele Erl seien nicht ernst zu nehmen angesichts des menschlichen und künstlerischen Zustands hier. Schmerzt Sie ein solcher Befund aus einem berufenen Mund?

Haselsteiner: Natürlich stimmt diese Einschätzung nicht. Staud kann ja vorbeikommen und sich hier etwas ansehen.

Das Image der Festspiele Erl scheint aber doch gelitten zu haben.

Haselsteiner: Der finanzielle Schaden ist überschaubar. Und einen großen Imageschaden sehe ich nicht. Es steht ja doch das Künstlerische im Vordergrund.

Land und Bund sponsern Erl mit je 1,15 Mio. Euro pro Jahr. Wie viel Geld haben Sie persönlich bisher in die Festspiele gesteckt?

Haselsteiner: Viele Millionen, mehr sage ich nicht.

Haben Sie im Laufe des heurigen Jahres auch daran gedacht, den Job als Festspielpräsident hinzuschmeißen?

Haselsteiner: Ja, das kam schon vor. Doch ich habe die Krise übewunden und bin bis 2024 als Präsident gewählt. Meine Freude wird zurückkommen, wenn ich im Konzertsaal sitze und die schöne Musik höre.

Der Landesrechnungshof ist gerade im Festspielhaus und durchleuchtet die Bücher. Wird er etwas finden?

Haselsteiner: Ich glaube nicht. Ich habe ein gutes Gewissen.

Blockbuster Aida und Tell im Original

Erl — Bei den Sommerfestspielen (4. bis 28. Juli 2019) werden in Erl drei Opern aufgeführt. Richard Wagner hat vorerst Pause. Ein neuer „Ring des Nibelungen" soll ab 2021 von Brigitte Fassbaender inszeniert werden. Nächsten Sommer steht nun „Aida" von Guiseppe Verdi auf dem Programm, ein „Blockbuster" wie Interimsintendant Andreas Leisner meint. Dazu kommt „Die Vögel" von Walter Braunfels — eine Oper, die das Publikum „jedenfalls gesehen haben sollte" (Leisner). Zudem wird auch noch „Guillaume Tell" von Gioacchino Rossini gezeigt, eine Wiederaufnahme, diesmal in der original französischen Fassung. 2016 war die Aufführungssprache in Erl noch Italienisch gewesen.

Die Dirigentenwahl für die drei Opern war laut Leisner „eine schwierige Geschichte". Aber auch hier habe er den Weg einer guten Durchmischung eingeschlagen. So stehe bei „Aida" mit Audrey Saint-Gil ein „noch unbekannter Star" am Dirigentenpult. Für „Guillaume Tell" habe man Michael Güttler gewinnen können, der „die Monster-Partitur sicher im Griff hat". Und es sei eine „Auszeichnung", dass Lothar Zagrosek für „Die Vögel" nach Erl komme.

Neben den Opern stehen auch wieder zahlreiche Konzerte am Spielplan. Das Ensemble „Camerata Salzburg" kommt erstmals für zwei Konzerte nach Erl.

Noch eine Novität: Von 1. bis 4. August findet in Erl ein Gitarrenfestival statt. Programm-Infos: www. tiroler-festspiele.at. (TT)