Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.01.2019


Bühne

“Radetzkymarsch“: Heilloses Untergehen im Erbe der Väter

Joseph Roths „Radetzkymarsch“ mit starkem Ensemble sehr literarisch auf die Bühne des Tiroler Landestheaters gebracht.

Mit Kaiser Franz Joseph (Johannes Nikolussi) geht die Habsburger Monarchie unter. Links Carl Joseph von Trotta (Phillip Henry Brehl).

© Rupert LarlMit Kaiser Franz Joseph (Johannes Nikolussi) geht die Habsburger Monarchie unter. Links Carl Joseph von Trotta (Phillip Henry Brehl).



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Da wird einer in ein falsches Leben gesteckt. Dass Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“ auch szenisch fesselt, liegt an der Kunst des Autors, durch das Symptomatische der Österreichisch-Ungarischen Monarchie hindurch die Zeichen der Auflösung kenntlich zu machen sowie am Leading Team der Aufführung, das die literarische Vorlage präzise visualisiert.

Nun ist diesem Stoff nicht beizukommen ohne Werknähe, ohne Uniform und Ahnung von den Korsetten der Zeit. Die am Tiroler Landestheater gewählte Dramatisierung von Andreas Karlaganis und Ingo Berks Bühnenfassung montiert unverfälscht epische Textstellen und direkte Rede aus dem Roman, Regisseur Philipp Jescheck und Ausstatter Michele Lorenzini wiederum enthalten sich zusätzlicher Schnörkel. Den Untergang des habsburgischen Zeitalters spiegelt Joseph Roth knapp vor und während des Ersten Weltkriegs in drei Generationen der Familie von Trotta.

Der slowenische Bauer und Soldat Joseph Trotta rettete in der Schlacht von Solferino dem jungen Kaiser Franz Joseph das Leben und wurde geadelt. Sein Sohn Franz, ganz dem Kaiser und dem Helden von Solferino ergeben, musste eine Beamtenkarriere einschlagen, drängte den einzigen Sohn, Carl Joseph, aber wieder in die Uniform: „Ich lebe vom Großvater.“ Er blieb fremd unter den Kameraden, deren gröbste ihn in der dämmernden Untergangsatmosphäre zu verderben suchten und deren hellsichtigste wussten, „die Monarchie zerfällt bei lebendigem Leibe“. Am Rennweg erklimmt Carl Joseph gleichsam nackt die Bühne. Dort steckt ihn Jacques, der uralte Diener aus früheren Zeiten, Stück für Stück in die Uniform, in eine fremde Haut, die nie passen wird: „Ich habe Angst, überall ...“ Das Bild des Helden-Großvaters hängt unerreichbar weit oben. Der Militärarzt, einzig gewonnener Freund, fällt in einem Duell. Auch der junge Leutnant wird in den sinnlosen Ehrenkodex des Systems verstrickt. Der senile Kaiser tritt auf, erstarrt wie sein Reich.

Proteste und Demonstrationen, Verunsicherung und Zukunftsängste, technischer Umbruch, Antisemitismus und beginnender Nationalismus höhlen das überkommene System aus, beängstigend aktuell. An der Ostgrenze zur Monarchie gerät das militärische Leben unter den inneren Spannungen aus den Fugen. Carl Joseph verlässt das Militär, überschäumend vor Glück. Da bricht der Krieg aus, er muss zurück und fällt. Der Vater zitiert das Ende mit Roths Worten. Wie Carl Joseph von Trotta kam, entschwindet er.

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Lorenzinis Uniformen und Kostüme entsprechen der Zeit, die Bühne gestaltet er zunächst architektonisch mit einem erhöhten rechteckigen Raum mit Rampe, ähnlich wie Adolf Loos (Haus für Tristan Tzara) sie baute, dann öffnet er den Raum mit einer vieldeutigen Trasse. Regisseur Jescheck kommt fast ohne Requisiten, jedenfalls ohne Säbel, Kampf und Blut aus, wo Carl Joseph schießen muss, schleudert er aufblitzende Schnapsgläser.

Aktion, Emotion, Hintergrund, Semantik, viel liegt beim großartigen Ensemble. Der junge Phillip Henry Brehl ist in seiner zitternden Verlorenheit eine Idealbesetzung für Carl Joseph. Jan-Hinnerk Arnke steckt als Franz von Trotta fest im Reglement und hat dennoch Regungen für den Sohn. Johannes Nikolussi ist stark als Diener Jacques und schaute für den Kaiser genau aufs Vorbild. In den mehrfachen Rollen der Militärs und Zivilisten bringen sich Raphael Kübler, Jan Schreiber, Johannes Gabl, Kristoffer Nowak und Stefan Riedl hervorragend differenziert ein, die Frauen sind mit Margot Mayrhofer und Hannah Candolini besetzt.