Letztes Update am So, 13.01.2019 10:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Viktor Gernot: „Wirklich lustige Leute können über sich lachen“

Viktor Gernot zählt zur kabarettistischen Oberliga. Wer hätte gedacht, dass er anfangs vor fünf Leuten auftrat und ihn eine Nonne von der Bühne zog?

Viktor Gernot ist den meisten als humorvoller Kabarettist ein Begriff. Doch der 53-Jährige litt an einer diagnostizierten Depression und zeigte im TT-Interview auch seine verletzliche und nachdenkliche Seite.

© TT/Julia HammerleViktor Gernot ist den meisten als humorvoller Kabarettist ein Begriff. Doch der 53-Jährige litt an einer diagnostizierten Depression und zeigte im TT-Interview auch seine verletzliche und nachdenkliche Seite.



Sie kamen als Gernot Jedlicka zur Welt. Warum haben Sie den Künstlernamen Viktor Gernot angenommen?

Viktor Gernot: Nach dem Studium zum Musicaldarsteller hatte ich Verträge für die Vereinigten Bühnen Wiens und die Moderation einer ORF-Show. Ein Kollege meinte, als Jedlicka hätte ich da nichts verloren. Im Osten Österreichs ist der tschechische Name normal. In Innsbruck kichert man darüber, in Deutschland schüttelt man den Kopf. Außerdem wurde ich mit tausend Varianten angesprochen: Jetlitschka, Jedlisca, Jelischgga. Niemand kann den Namen aussprechen. Dem wollte ich mich nicht weiter aussetzen und weil ich damals bei „Les Misérables“ unter Vertrag war, dem Werk von Victor Hugo, habe ich mich für dessen Namen entschieden. Außerdem steht Gernot für „der Speerkämpfer“, Victor heißt „siegreich“ – siegreicher Speerkämpfer, das ist doch ein optimaler Name für eine Karriere.

Vor allem, wenn man weiß, dass Jedlicka übersetzt „Tannenbäumchen“ heißt.

Gernot: Das Tannenbäumchen auf der Bühne.

Apropos Bühne: Stimmt es, dass Ihr erster Auftritt endete, weil eine Nonne Sie an den Ohren von der Bühne gezogen hat?

Gernot: Ich habe als Arzt Dr. Eisenbart in einem Kinderstück mitgespielt. Im Kindergarten. Auf der Bühne hab’ ich Faxen gemacht und das so genossen, dass mir nicht aufgefallen ist, dass mein Text längst vorbei war, ich aber noch geplaudert hab’. Wie unsanft die Nonne mich von der Bühne geleitet hat, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Nach der Schule sind Sie erstmals professionell aufgetreten. Allerdings noch mit recht wenig Erfolg ...

Gernot: Damals habe ich mit Kollegen wie Michael Niavarani gespielt. Unser Negativrekord waren acht Leute auf der Bühne und fünf davor. Was unsere Euphorie aber nicht gebremst hat.

Hatten Sie nicht den Eindruck, ein Plan B wäre wichtig, sollte das Publikum so überschaubar bleiben?

Gernot: Plan B hatte ich nie. Ich war zwar ein Jahr an der Wirtschaftsuni inskribiert, aber nur, weil meine Eltern sich das gewünscht haben. Ein Freund meinte, wir werden Steuerberater. Aber mir war bald klar, dass das für mich so nicht geht. Ich habe einfach getan, gelernt, geübt und erfahren. Alles andere hat sich ergeben. Günstigerweise.

Dann nehme ich an, Sie hatten auch kein Marketingkonzept, das Ihnen geholfen hat, seit Jahrzehnten als Kabarettist und Sänger bekannt zu bleiben?

Gernot: Stimmt. Ich habe im Grunde mir zuliebe darauf geachtet, nicht einseitig aufzutreten. Ich habe meistens vier Programme parallel am Laufen – z. B. ein Weihnachtsprogramm, meine Band, Soloprogramm oder Programme wie das mit Monika Gruber. Ich mache das nicht, damit ich Publikum und Presse an der Stange halte, sondern damit mir nicht fad wird.

Beim Gruber-Gernot-Programm „Küss die Hand“ sollte anfangs auch Michael Niavarani mitwirken. Hätten Sie dann auch eine Beziehungskonstellation gespielt?

Gernot: Nein. Wir haben uns circa zwei Jahre vor den Auftritten einen Zeitraum für das Programm reserviert. Eine gewisse Planungszeit brauchen wir. Leider kam Nia(varani) was dazwischen, also haben Monika und ich das Programm für uns beide geschrieben.

Gibt’s Pläne für ein Dreier-Programm mit Gruber und Niavarani?

Gernot: Ja, privat essen gehen. Das wird sich auf jeden Fall ausgehen. Mehr aber wohl leider nicht. Ich weiß, wie schwierig es ist, schon meine eigenen Sachen zu koordinieren.

Besonders schwierig muss die Organisation gewesen sein, als Sie Musicaldarsteller waren.

Gernot: Oh ja. Das war eine harte Schule. Kommt ein Stück gut an, wird es en suite gespielt. Ununterbrochen. 300 Vorstellungen im Jahr. Ich sage immer, so hat der Theatergott das nicht geplant. Im schlimmsten Fall liefert man als Darsteller nämlich nur noch ab. Obwohl wir uns eh alle bemüht haben, möglichst jeden Abend für das Publikum den Eindruck zu erwecken, wir würden das Stück ganz frisch und zum ersten Mal spielen.

Wie schafft man es, bei so einer „Show vom Fließband“ die Leidenschaft nicht zu verlieren?

Gernot: Indem man andere Sachen komplett abstellt. Man muss nur noch funktionieren. An den freien Tagen – nein – an dem freien Tag macht man kleine soziale Dinge, wie Freunde sehen. Ansonsten wäscht man nur noch seine Wäsche.

Lag es auch an diesem Druck, dass die Frage an Ihnen nagte, ob etwas von Ihnen bleibt, wenn Sie den Job eines Tages verlieren sollten?

Gernot: Aufrichtigerweise muss ich sagen, dass diese Phase meines Lebens mit einer diagnostizierten Depression einherging. Meine Therapeutin hat mir geholfen, zu Eigenliebe und Eigenachtung zu finden. Applaus vom Publikum ist schön. Aber es reicht dem Menschen nicht an Substanz. An Glaubwürdigkeit. Weil man schließlich nur eine Rolle gespielt hat. Ich merke immer wieder, dass viele Menschen in die darstellende Kunst gehen, weil sie Anerkennung und Liebe suchen. Die kann aber nicht ausschließlich durch Bezahlung und Applaus genährt werden. Denkt man darüber nach, muss man erkennen, dass man selbst liebenswert ist, wertvoll und okay.

Auch in Ihrem neuen Soloprogramm reflektieren Sie über persönliche Glaubenssätze. Wie groß ist der Wahrheitsgehalt in Ihren Programmen, wenn Sie sich selbst auf die Schulter nehmen?

Gernot: Ich suche stets echte Angriffspunkte bei mir selbst und spreche darüber. Gewürzt mit Ironie kann das unterhalten. Je ehrlicher man ist, desto eher findet das Publikum sich darin wieder, und diese kleinen Makel erheitern. Wirklich lustige Leute der Welt können in erster Linie über sich selbst lachen. Warum auch nicht?

Das Interview führte Judith Sam