Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 15.01.2019


Bühne

Fünf Verlorene im dichten Treiben

Beat Furrers Musiktheater „Violetter Schnee“ wurde in Berlin uraufgeführt. Das Libretto stammt vom Tiroler Autor Händl Klaus.

Schauspielerin Martina Gedeck führt als Botin Tanja in das Geschehen ein.

© Foto: Monika Rittershaus/StaatsoSchauspielerin Martina Gedeck führt als Botin Tanja in das Geschehen ein.



Von Martin Fichter-Wöß

Berlin – Beat Furrer hat Glück. Oder prophetische Fähigkeiten: Mit „Violetter Schnee“ gelang dem in der Schweiz geborenen Wahlösterreicher ungeachtet der langen Vorbereitungszeit zielsicher die Oper zur Stunde. Am Sonntagabend feierte sie in der Berliner Staatsoper ihre umjubelte Uraufführung. Das Stück handelt von fünf Menschen, die in wildem Schneetreiben gefangen sind.

Ein Kommentar zum Klimawandel ist „Violetter Schnee“ allerdings nicht. Furrer und seinem Librettisten, dem Tiroler Händl Klaus, der eine Vorlage Vladimir Sorokins bühnen- und musiktheatertauglich machte, geht es vielmehr um die Ausweglosigkeit: Das Schneetreiben wird zum Sinnbild der aller Zeit enthobenen Situation der Protagonisten. Diese bleiben vornehmlich Archetypen und haben verschiedene Ansätze, der Lage Herr zu werden: Während der von Otto Katza­meier gesungene Jacques­ Zwiesprache mit dem Schnee hält und die Verhältnisse annimmt, sehen Peter (Georg Nigl) und Silvia (Anna Prohaska) angesichts der weißen Hölle schwarz. Ihnen gegenüber stehen Jan (Gyula Orendt) und Natascha (Elsa Dreisig), die den Glauben an eine neuerliche Zukunft nicht verloren haben. Die Worte, die die Isolierten aneinander und aneinander vorbei richten, werden von Händl Klaus fragmentiert, Dialoge gehen auf in wechselseitigem Monolog. Das erzählende Moment ist auf ein Minimum reduziert, Narration im eigentlichen Sinne allenfalls ironisches Zitat. Sinn wird nicht gefunden – und meist nicht einmal gesucht. Ob das Ende schließlich Untergang, Befreiung oder gar beides zugleich ist, bleibt offen.

Beat Furrer hat mit „Violetter Schnee“ eine uneitle Partitur geschaffen: Er nimmt sich in einzelnen Szenen bis zur reinen Hintergrundmusik für die Sprache zurück, um sich im nächsten Moment zur Kakophonie aufzuschwingen. Crescendi brechen ins Nichts weg, Glissandi-Kaskaden feuern scheinbar ins Nichts. Mikrotonale Intervalle beschwören das Ungefähre. Und alles verbindet sich zu einem engmaschigen Netz, in dem sich die Musik aus einem charakteristischen Sprachduktus heraus entwickelt und die Worte den modularen Charakter der Musik aufnehmen. Dirigent Matthias Pintscher leitet die Berliner Staatskapelle mit souveräner Virtuosität durch die aufbrausenden Höhen und dann wieder zurückgenommenen Passagen der Partitur.

Inszeniert wurde die Uraufführung von Claus Guth, dem gemeinsam mit seinem Lichtdesinger Olaf Freese und dem österreichischen Videokünstler Arian Andiel eine schlicht grandiose Umsetzung der Vorlage gelang: Räume öffnen sich auf wundersame Weise, klaustrophobische Kammern werden zur von Gestöber umtosten Landschaft.

Optischer Schlüssel des Berliner Gesamtkunstwerkes ist Pieter Bruegels Gemälde „Die Jäger im Schnee“. Eine Botin in Gestalt der Schauspielerin Martina Gedeck widmet zum Auftakt des Abends eine detaillierte Exegese. Danach wird immer wieder darauf angespielt. Das starke Schlussbild – ein zielloser Totentanz im Gegenlicht – mündete in euphorischem Jubel. (APA)