Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 19.01.2019


Bühne

Wenn Liebesgötter gegen Kampfflugzeuge flattern

Im Theater an der Wien versucht man Henry Purcells „King Arthur“ möglichst viel Bühnenzauber einzutrichtern.

Schauspiel trifft auf Musik: König Arthur (Michael Rotschopf) wird bei einer Kampfpause im Zauberwald von Nymphen umschwärmt.

© PrammerSchauspiel trifft auf Musik: König Arthur (Michael Rotschopf) wird bei einer Kampfpause im Zauberwald von Nymphen umschwärmt.



Von Stefan Musil

Wien – Am Ende ist Schluss mit barocker Lustigkeit. Da setzt sich der Geist des Vaters mit blutiger Kopfwunde seinem Sohn Arthur gegenüber. Gespannt lauscht der Tafelklassler dem im Krieg gefallenen Kampfflieger: Er solle gehorsam sein, der Nation dienen. Daraufhin steigt der Kleine in den vom Bühnenhimmel baumelnden Flieger, winkt fröhlich heraus, während Mama davor beglückt tänzelnd ein Flugzeugmodell in der Hand führt. So seltsam unkommentiert kampfherrlich und megapatriotisch endet also der Abend. Der Zuschauer darf sich vielleicht fragen: das Stück zum Brexit?

Es ist das Finale von „King Arthur“ in der Version der Berliner Staatsoper unter den Linden, die sich das Theater an der Wien auf die Bühne geholt hat. Sven-Eric Bechtolf und sein Co-Regisseur und Bühnenbildner Julian Crouch haben Purcells Semi-opera, diese barocke Sonderform aus Musik, Theater und Tanz, die ohne Bearbeitung kaum aufführbar ist, in eine (gesprochene) Rahmenhandlung gesteckt. Sie verschränken den Zweiten Weltkrieg mit der Gründungsgeschichte der britischen Nation und blasen die 90 Minuten Purcell-Musik auf drei Theaterstunden auf.

Arthur Junior (Samuel Wegleitner) bekommt vom Großvater ein Sagenbuch geschenkt. Der kleine imaginiert sich nun, wie sein Vater (Michael Rotschopf) aus dem abgestürzten Kampfjet krabbelt, sich die Krone aufsetzt und als Brite Arthur gegen die bösen Angelsachsen kämpft. Auch der Großvater (Jörg Gudzuhn) schlüpft als Zauberer Merlin in die Handlung und steht dem quirligen Oliver Stokowski als Magier Osmond von der heidnisch angelsächsischen Seite gegenüber.

Drunter, drüber und dazu gibt es die Musik. Berlins Premierendirigent René Jacobs hatte die Königsidee, vielen der gesprochenen Passagen Gambenfantasien und Instrumentalmusik von Purcell zu unterlegen. Das hilft den ausführlichen, eher herb geschnitzten Schauspiel­szenen ein wenig auf die Musik­theater-Sprünge.

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Julian Crouch schüttet, auch mit vielen Filmprojektionen, dagegen ein Füllhorn an Barockgeist reicher Idee­n über das Ganze aus. Da fliegt nicht nur Amor durch die Luft, es gehen die Magier durch Tapetenwände, schneit der Frostgeist aus dem Kasten, hampeln riesige Puppen herein. Da wird unbändig theatergezaubert und kasperltheatert und an der Poesieschraube gedreht, in den englisch gesungenen Nummern durchaus britischer Feinhumor bemüht, der unter der deutschen Sprachkeul­e schnell wieder zerbröselt.

Diese Diskrepanz könnt­e die Musik überbrücken. Doch kommt Purcells geniale Partitur etwas schwächelnd zu ihrem Recht. Es klingt sehr artig, was da zurückhaltend aus dem Graben, wo der Concentus Musicus unter Stefan Gottfried spielt, tönt.

Auch die Sänger, an zentralen Stellen Martina Janková, Robin Johannsen, Jonathan Lemalu, können sich nur mäßig behaupten. Als Qualitäts-Bank erweist sich einmal mehr der Arnold Schoenberg Chor. Also gibt es zum Schluss freundlichen Applaus für viel Fantasie-Lärm um letztlich doch etwas wenig.