Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 24.01.2019


Bühne

Bizarrer (Lawinen-)Abgang im Matratzengebirge

Uraufführung in Linz: Dem Tiroler Martin Plattner gelingt mit „rand:ständig“ eine schmutzig-weiße Außenseiter-Parabel.

Vier Lawinenopfer und ein scheinbarer Erlöser: Das hervorragend abgestimmte Ensemble erklimmt beherzt Martin Plattners Wort-Gebirge.

© Petra MoserVier Lawinenopfer und ein scheinbarer Erlöser: Das hervorragend abgestimmte Ensemble erklimmt beherzt Martin Plattners Wort-Gebirge.



Von Bernadette Lietzow

Linz – Ob Gretl, Resi oder Janine, Plattners Lawinen sind weiblich. Nun hat man es zu tun mit der gleißenden Betonpracht der „Zenzl“, die mit ihrem „dreckigen Weiß“ wie ein „angestochener Hallodri“ der Frau im Krautfass (Johann­a Orsini-Rosenberg) unter den Kleiderschurz langt. Sie, der das namensgebende und schon längst „zwangspensionierte“ Vorratskeller-Utensil einen rettenden Schutzraum bot, ist eine der vier Überlebenden des gewaltigen Lawinenabgangs am Rand einer Tourismusgemeinde.

Aus dem weißen Schaumstoff-Ungetüm, das Bühnenbildnerin Helene Payrhuber auf die kleine Studiobühne des Linzer Landestheaters gewuchtet hat, entwinden sich nach und nach die Frau in der Kühltruhe (Ines Schiller) und der Bursch im Ofenloch (Tim Weckenbrock). Beide verhelfen bald, einer Geburt gleich, Stichwort „pressen“, der suizidale­n Skischülerin (Judith Mahler) wider ihren Willen zurück auf den „Idiotenhügel des Daseins“.

Dieses, das Dasein, ist für das in der Katastrophe aneinandergekettete Quartett mehr Last als Freude, von Solidarität keine Spur, das einzig Verbindende ist die titelgebende „Randständigkeit“ als Verlierer eines am wirtschaftlichen Erfolg orientierten Gemeinwesens.

Der Bursch im Ofenloch hat sich um seine Existenz gesoffen, der Schnaps ist das Remedium, mit seiner Homosexualität auszukommen. Der einzige Trumpf der Frau im Krautfass, der nach Wäscherei-Job und Betreuung der Angehörigen das Wort „Pfleg­e“ nur unter Würgen über die Lippen kommt, ist ihre Gewissheit, „Einheimische“ zu sein und sich so ein paar Zenti­meter über „die Fremden“ erheben zu können. Abfällig nennt sie die Frau in der Kühltruhe „Schalala“. Diese ist als Tochter von Migranten und Trägerin des falschen Kopftuchs (nicht Blaudruck, ohne Alpen­blumenmuster) chancenlos, jemals dazuzugehören.

Um Platz für einen Parkplatz im Dorfzentrum zu schaffen, wurden diese Außenseiter in neu errichtete Häuser im Lawinenstrich umgesiedelt – mit denen die „Zenzl“ keine Gnade hat.

Die Hilfe für die Eingeschlossenen, angeleitet vom Nebenschauplatzbeauftragten von Land und Erdkreis (Julian Sigl), beschränkt sich, nach der Spende von Wurstsemmeln und Erfrischungstüchern, auf die Rettung des einzig touristisch relevanten Opfers, der Skiläuferin.

Der Tiroler Autor Martin Plattner, Thomas-Bernhard-Stipendiat des Linzer Landestheaters und mit seinem neuen Stück „Phantasma X“ über Kaiser Maximilian ab Mai auch wieder im Tiroler Landestheater vertreten, verleiht diesen gesellschaftlich wie seelisch Aussätzigen eine höchst kunstreiche Stimme.

Groteske Wortkaskaden und Sprachwitz, Abgründiges, Hinterhältiges und Grausamkeiten befördert das wahrhaft engagierte Ensemble lustvoll in die Ohren des Publikums – in einem großen Stück über die „kollektive Ohnmacht der Vereinzelten“ (Plattner), das durchaus auch einer größeren Bühne standhalten wird.