Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.02.2019


Bühne

Wenn das Böse ein Gesicht bekommt

Fulminantes Stadttheater in Kufstein: „Kosmetik des Bösen“ mit ausgezeichneten Schauspielerleistungen.

Textor Textel (Klaus Reitberger, rechts) treibt Jérôme Angust (Martin Heis) in den Wahnsinn.

© OtterTextor Textel (Klaus Reitberger, rechts) treibt Jérôme Angust (Martin Heis) in den Wahnsinn.



Von Wolfgang Otter

Kufstein – Zufällig, ganz zufällig, so erscheint das Zusammentreffen zweier Reisender auf einem Bahnhof. Zufällig hat auch der Zug Verspätung. Daher bleibt Zeit. Zu viel Zeit, wie sich noch zeigen wird. Nicht zufällig will der Reisegast Textor Textel mit dem wartenden Jérôme Angust ein Gespräch beginnen. Nein, nicht beginnen, sondern ihm aufdrängen. Dann gibt es keine Zufälle mehr. Aus einer anfangs amüsanten, etwas schrägen Lebensbeichte der Nervensäge Textel entsteht während des Dialogs zwischen den beiden ein Blick in die abgrundtief böse Seele des Menschen.

Der Schrecken kommt fein hergerichtet daher, versteckt sich hinter der „Kosmetik des Bösen“, wie der Roman der belgischen Schriftstellerin Amélie Nothomb heißt. Auf knapp 110 Seiten lässt sie alles Beiwerk weg, beschränkt sich auf den reinen Dialog.

Ohne Kosmetik musste also Regisseurin Maria Kaindl vom Kufsteiner Stadttheater das Stück adaptieren und inszenieren. Die Mühe hat sich gelohnt, wie die Premiere im Theatersaal des Kufsteiner Kulturquartiers zeigte.

An diesem Abend war das Beste zu sehen, was Amateurtheater derzeit weitum zu bieten hat. Zu verdanken ist das in erster Linie Klaus Reitberger. Der Kufsteiner Autor und Regisseur scheint Textor Textel in Person zu sein, Amélie Nothomb könnte ihm diese Rolle auf den Leib geschrieben haben. Sie ist ungemein schwer zu spielen, es wird nicht nur Textverständnis verlangt, sondern auch eine darstellerische Höchstleistung.

Reitberger konnte sich auf Martin Heis (Jérôme Angust) als ausgezeichnetes Gegenüber stützen. Beiden gelang es fast zwei Stunden lang, trotz in erster Linie Dialogs – Kaindl beschränkt sich im Sinne der Romanvorlage auf das Notwendigste bei der Inszenierung – durch Sprache und Mimik die Spannung zu erhalten. So störte eigentlich lediglich die (für die Darsteller aber verständliche) Pause. Dadurch riss für die Zuschauer abrupt der Spannungsfaden ab. Aber Reitberger und Heis konnten nach der Unterbrechung mühelos diese wieder aufbauen.

Den begeisterten Applaus des Publikums hat sich diese Produktion verdient. Sie ist übrigens erst ab 16 Jahren geeignet.