Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 15.03.2019


Bühne

“Die Stühle“: Leiser Abschied von der Apokalypse

Claus Peymann adelt die zu Ende gehende Intendanz Karin Bergmanns mit Eugène Ionescos „Die Stühle“ am Akademietheater.

Im Sesselwald: Maria Happel und Michael Maertens brillieren in Ionescos 1952 uraufgeführtem Klassiker des Absurden Theaters „Die Stühle“.

© Fotos: Georg SoulekIm Sesselwald: Maria Happel und Michael Maertens brillieren in Ionescos 1952 uraufgeführtem Klassiker des Absurden Theaters „Die Stühle“.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Der Alte und Die Alte, Poppet und Semiramis, sind ein Paar von „fundamentaler Greisenhaftigkeit, die nichts mit dem Alter zu tun hat“, wie der Schriftsteller Arthur Adamov die Figuren aus Eugène Ionescos Stück „Die Stühle“ treffend umreißt. Ihr kokett hohes Alter um die 95, ihre 75 Jahre währende Ehe sind die Grundierung der vom Autor so benannten „tragischen Farce“, in der zwei „letzte Menschen“ im Schwelgen in (trügerischen) Erinnerungen das fatale Hier und Jetzt auszublenden versuchen. Die Apokalypse haben sie hinter sich, Paris ist seit ewigen Zeiten Geschichte, die Insel, auf der sie leben, ist umgeben von stinkendem Brackwasser.

Am Wiener Akademietheater schlüpfen zwei Charakter-Komödianten in die Rollen des Paares, das im Laufe des Abends zahlreiche fiktive Gäste um sich versammelt, um einem Redner Gehör zu schenken, der Poppets Weltrettungs-Formel verkünden soll. Maria Happel und Michael Maertens sind das alterslos greise Paar, dem die an die Stummfilmära angelehnte Kostümierung (Margit Koppendorfer) etwas Puppenhaftes verleiht.

Auf Gilles Taschets schwarzer, sich nach hinten verengender und beidseitig mit je vier Türen ausgestatteter Bühne entfalten sie komisch wie präzise, mit Anleihen bei Slapstick-Giganten wie den Marx Brothers, ihr großes Können.

Anfänglich amüsieren Happels gurrendes Lob für ihren Mann und der Tadel über seine karrieretechnische Laxheit. Auch ist man berührt, wie Maertens in hochtraurige wie irrwitzige Muttersehnsucht verfällt und auf Happels Schoß Tröstung findet.

Virtuos bauen die beiden die zunehmende Hektik auf, wenn Stühle herbeigeschafft und die unzähligen imaginären Honoratioren, vom Oberst, der Dame im Pelz bis hin zum Kaiser, gebührend empfangen werden müssen. Eine kleine Can-Can-Einlage Maria Happels und allerlei Türen-Allotria später keimt jedoch der Verdacht auf, dass Ionescos existenzielle Fragestellungen im Geist des Absurden auf dem Altar der durchaus kunstfertigen Unterhaltung geopfert wurden.

Etwas unentschlossen gelöst ist zudem die Figur des Redners, in der die Alten eine Art Erlöser sehen: Mavie Hörbiger misst den Raum mit kleinen Stechschrittchen aus und malt mit Kreide ein „ADIEU“ auf die Stühle.

Kann sein, dass das alles dem holprigen Zustandekommen dieser Premiere geschuldet ist. Aufgrund einer Verletzung Maria Happels konnte der Jänner-Termin nicht eingehalten werden. Eine Viruserkrankung hinderte Claus Peymann daran, sein Abschiedsgeschenk an die scheidende Burgtheater-Intendantin Karin Bergmann selbst zu vollenden.

Leander Haußmann bestritt die letzten Probenwochen und verneigte sich – vor dem Publikum und dem abwesenden großen Kollegen – in einem mit „Peymann“ bedruckten T-Shirt.