Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 13.04.2019


Bühne

Neo-Boulevard oder Die Ödnis vor dem Schuss

Österreichische Erstaufführung von David Schalkos Konversationsstück mit Ladehemmung: „Toulouse“ am Theater in der Josefstadt.

Zank, Sex und Alkohol. Sona MacDonald und Götz Schulte als scheidungswilliges Paar im Zwei-Personen-Stück „Toulouse“.

© moritz schellZank, Sex und Alkohol. Sona MacDonald und Götz Schulte als scheidungswilliges Paar im Zwei-Personen-Stück „Toulouse“.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Toulouse ist eine Reise wert, Silvia und Gustav jedoch haben andere Pläne. Die südfranzösische Stadt, vielmehr ein angeblicher Kongress in derselben, dient ihm, dem Exmann, als Ausrede gegenüber seiner schwangeren Freundin, ein letztes Wochenende mit ihr, seiner Exfrau, in exakt jenem Hotel am Meer zu verbringen, in dem sie einst ihre junge Liebe feierten.

David Schalko hat „Toulouse“ für die Josefstadt geschrieben.
David Schalko hat „Toulouse“ für die Josefstadt geschrieben.
- Thomas Boehm / TT

Nur dumm, dass sich so lästige (islamistische?) Terroristen dazu entschlossen haben, mit einem grauenvollen Anschlag ebendort das Toulouse-Alibi platzen zu lassen. Und da das Hemd näher ist als der Rock, und die Ich-AG wichtiger als Empathie, überlagern Zwist und Herzschmerz, Lust und Lügenhektik jegliche Betroffenheit. Bis Silvia am Ende, Stichwort Western-Duell, das Zeitliche segnet.

Erdacht hat sich dieses tragikomisch angelegte Konstrukt der zuletzt mit dem Fernseh-Sechsteiler „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ präsente Regisseur und Autor David Schalko. Obwohl von Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger in Auftrag gegeben, erlebte „Toulouse“ im vergangenen Jahr sowohl eine „deutsche Erstaufführung“ in Wiesbaden als auch eine mit Catrin Striebeck und Matthias Brandt hochkarätig besetzte ARD-Verfilmung.

Nun endlich kann man sich in der Josefstadt von zeitgenössischem Boulevard unterhalten lassen. Dieser sieht leider so alt aus, dass man die interessante Entdeckung macht, wie unendlich lange im Grunde knackige siebzig Minuten Theater sein können und dass eine vulgäre Bezeichnung für weibliche Geschlechtsorgane in der Josefstadt offensichtlich Zwerchfelle erschüttert.

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Schräg wie der erschreckend banale Text, an dessen Plattheit das Schauspieler-Duo Sona MacDonald und Götz Schulte sichtlich zu kauen hat, ist die Bühne gestaltet. Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos entschieden sich für eine den breiten Raum ausfüllende schiefe Ebene, aus der ein elegantes Hotelzimmer mit vorgelagertem Sandstrand wächst. Auf dieser Spielwiese mit Minibar liefern sich die beiden Darsteller einen armseligen Geschlechterkampf der hohlen Töne – streckenweise in Dessous, Thema „ein letztes Mal vor dem Aus nach neunzehn Jahren“.

Die Handschrift Torsten Fischers muss man mit der Lupe suchen, offensichtlich hat der Regisseur vor Schalkos nicht fassbaren Charakteren ohne psychologisches Hinterland kapituliert. Schwer daran zu tragen haben MacDonald und Schulte, die sich, merklich unterfordert, mit ihren Klischee-Figuren abstrampeln müssen. Ein Konversationsstück schaut anders aus, von David Schalko ist man Substanzielleres gewöhnt.

Dann doch lieber neuerlich seine großartige Serie „Altes Geld“ anschauen.