Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 15.04.2019


Kabarett

Alf Poier: Auf der Flucht in die trotzige Kindheit

Alf Poier präsentierte im Treibhaus sein – möglicherweise – letztes Kabarett-Programm.

Der Besucherzähler (links unten) läuft mit. Kabarettist Alf Poier bei seinem Gastspiel in Innsbruck.

© lgDer Besucherzähler (links unten) läuft mit. Kabarettist Alf Poier bei seinem Gastspiel in Innsbruck.



Innsbruck – „Früher hat man, wenn man auf die Bühne wollte, einen Regisseur gebraucht, heute braucht man einen Anwalt“, äußert Alf Poier seinen Unmut über gesellschaftliche Entwicklungen.

Schon ist klar, worum es ihm geht: „Nicht ich verstehe die Welt nicht mehr, sondern die Welt versteht mich nicht mehr!“ Er trinkt „halal“ Orangensaft, empfiehlt vegetarischen Flüchtlingen Fleischtomaten und beklagt, dass das Selfie das Familienbild ersetzt habe. Vorbei die schöne Kindheit am Land, als sie Spinnen ihre Beine ausgerissen hätten. Dazu das Lied „Bring mi ham“, eine nostalgische Heimatschnulze ohne Witz.

Poier ist mitten in der fatalen Lage, Kommentare zur Politik zu geben. Diese erklärt er mit einem „politischen Rad“ und einem „demokratischen Pendel“ mit den Konterfeis von Hitler und Stalin, nicht gerade ideale Vertreter demokratischen Wandels.

Rasant geht es weiter durch die Plattitüden. Alf Poier sagt zu Fleiß alles, was man „nicht sagen kann, darf und sollte“. Fremde Frauen findet er thematisch besonders ergiebig. Er sinniert über die Multikulti-gesellschaft und Geschlechtsmerkmale von Asiatinnen und Brasilianerinnen. Dann trällert er ein Liedchen mit folgender Zeile: „Japanische Mädchen sind super, ihre Beine sind immer glatt rasiert.“ Auf dem Kopf trägt er einen stereotypen Chinesenhut. Später imitiert er afrikanische und slawische Sprachen.

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Nicht, dass man das alles nicht sagen dürfte. Wie Poier richtig sagt: „Die Kunst ist frei!“ Viele Dinge, die Poier an dem Abend sagt, wären trotzdem besser ungesagt geblieben. Vor allem, weil sie selten lustig waren.

Erfrischende Ausnahmen waren Poiers absurde Darstellung von mystischen, „ozeanischen Erfahrungen“ und die selbstgemalten, surrealen Bilder „zur Ironisierung des Unendlichen“. Doch allzu oft fällt er in sehr direkte Passagen zurück: die Wut des älteren Mannes, der nicht mehr ungefiltert jeden verbalen Unsinn von sich geben kann, ohne von „Moralfaschisten und Denunzianten“ kritisiert zu werden. Die Welt verändert sich, Poier nicht. Das Unverständnis wird beidseitig.

Kommen zum aktuellen Programm nicht 20.000 Gäste, dann lässt er es bleiben, verspricht Alf Poier. Zuschauerstand nach dem Auftritt im Innsbrucker Treibhaus: 3629. Die 20.000 sind fern. (lg)