Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 16.04.2019


Bühne

Osterfestival Tirol: Der Isolation auf den zuckenden Leib gerückt

Ehsan Hemats Tanzperformance „I Put a Spell on You“ erstmals in Österreich beim Osterfestival Tirol im Haller Salzlager.

Kein Entkommen: Mostafa Shabkhan, Kayoko Minami und Gilles Polet (v. l.) in der Tanzperformance „I Put a Spell on You“.

© MalyshevKein Entkommen: Mostafa Shabkhan, Kayoko Minami und Gilles Polet (v. l.) in der Tanzperformance „I Put a Spell on You“.



Von Edith Schlocker

Hall – Es ist still, die Bühne komplett schwarz. Dass die schwarz-weißen Figuren, die sich durch eine riesige, die Bühnenrückwand bildende Projektionsfläche tasten, per Infrarotkamera „geschossen­e“ Bilder der drei realen Figuren auf der Bühne sind, wird dem Besucher der Performance „I Put a Spell on You“ erst langsam klar. Der als Voyeur im Dunkeln sitzt, sofern er nicht selbst ins Visier der Drohne genommen wird, die immer wieder das Szenarium durchpflügt. Nichts bleibt unbeobachtet, der Mensch ist nackt, obwohl „Nacktheit das Auge beleidigt“, wie es die Kultur des gebürtigen Iraners Ehsan Hemat, der Choreograph der beklemmend dichten Stunde, lehrt.

Er ist allerdings längst Belgier geworden, um als Emigrant auch die soziale Isolation erlebt zu haben, nachdem er sich den kulturellen bzw. religiösen Tabus und der politischen Kontrolle seiner Heimat entzogen hatte. Um zum Thema der Kunst des gelernten Schauspielers und Tänzers zu werden, dessen erste Arbeit als Choreograph am Sonntagabend im Haller Salzlager zu sehen war.

Es sind suggestive Bilder, in denen Gilles Polet, Mostaf­a Shabkhan und Kayoko Minami in menschliche Isolation getrieben werden. Die Situation ist ausweglos, wie die anfangs tastende, dann immer verzweifelter daherkommend­e Gestik klarmacht, mit der die drei Protagonisten den Bühnenraum besetzen. Jeder für sich allein, einzig in einer kurzen, von Walzerklängen unterlegten Szene keimt für einen Moment die Hoffnung auf zwischenmenschliche Intimität auf.

Ein monotoner, zunehmend anschwellender Sound ist als zweite Ebene dem Visuellen unterlegt. Rote Lichtblitze erhellen die im Dunkel in exakter Choreographie agierenden Tänzer. Denn nichts bleibt „Big Brother“ verborgen, jede Regung wird registriert, um auf diese Weis­e das Individuum mehr und mehr in die Isolation zu treiben. Besonders bedrohlich wird es, wenn von wem auch immer gelenkte Drohnen den Akteuren auf den Leib rücken. Sie umkreisen, jagen, in die Enge treiben, fast in ihre Körper schlüpfen. In beinahe unerträglicher Intensität in jener Szene, in der die Drohne einen der Tänzer regelrecht penetriert, indem sie in seinen schreien wollenden Mund förmlich eintaucht. Die Stimmbänder vibrieren, das Leiden steigert sich zu beklemmender Körperlichkeit. Zurück bleibt ein zuckender, sich eckig windender Körper.

Trotz aller Drastik hat Ehsan Hemats „I Put a Spell on You“ aber doch so etwas wie ein Happy End. Wenn sich in dem finalen Bild die reale Figur auf dem Überwachungsbild ins Off schleicht, einen schemenhaften Abdruck ihrer selbst hinterlassend.