Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 27.05.2019


Tirol

Passionsspiele Erl: Das Ende steht für den Beginn

Passionsspiele zeigen eine fulminante Aufführung der Felix-Mitterer-Fassung. Regisseur Markus Plattner gelang mit seinen Passionsspielern eine tiefgehende Geschichte über das Leben und Sterben Jesu.

Jesus (Erwin Kronthaler) auf dem Kreuzweg. Ein Mensch in seiner schwersten Stunde.

© OtterJesus (Erwin Kronthaler) auf dem Kreuzweg. Ein Mensch in seiner schwersten Stunde.



Von Wolfgang Otter

Erl – Natürlich ist es (auch) eine Wiederaufnahme der Passion von 2013 und wie sollte es anders sein, sie endet, wie sie enden muss: mit Tod und Auferstehung von Jesus Christus. Der Rahmen ist also klar. Regisseur Markus Plattner hat aber die Erler Passion von verklärt-religiösem Mief gereinigt. Schon 2013, zum 400-Jahr-Jubiläum des christlichen Mysterienspiels, lüftete er das Erler Passionsspielhaus kräftig durch, brachte frischen, ideenreichen Wind, nein, eigentlich einen Wirbelsturm, in die Aufführungen hinein.

Plattner formte ein Stück Volkstheater. Eines, das gestern bei der Premiere für die Saison 2019 in seiner besten Form zu sehen war. Heuer zeigen die Erler noch mehr Ecken und Kanten, noch mehr Tiefgang als sechs Jahre davor. Die Sicherheit im Text und auf der Bühne, die da hör- und spürbar vorherrschte, sorgte dafür, dass mehr Platz für die Tiefe und das Ausloten der menschlichen Gefühle bleibt.

Und es geht um einen durch und durch menschlichen Jesus, den Felix Mitterer mit seinem Text und Plattner mit seiner Regie auf dem Weg zum Kreuz begleiten. Ein Mensch, der leidet und zweifelt. Ein Mensch voller Ängste, aber auch voller Liebe. Und ein Mensch mit einer Mission, der er letztlich treu bleibt – komme, was wolle. Da spielt aber auch die Politik eine Rolle. Die einen wollen ihren Machtanspruch durch den Tod von Jesus sichern, die anderen hoffen auf einen Aufstand. Judas (Gerhard Kneringer spielte kraftvoll und glaubhaft) verlangt immer wieder, dass Jesus sich wehrt, und muss erkennen, dass dessen Kraft in seiner scheinbaren Schwäche liegt. Nicht schwach war Jesus-Darsteller Erwin Kronthaler, der die Ehre hatte, in der Premierenaufführung die Hauptrolle zu verkörpern (er wechselt sich mit Florian Harlander darin ab). Und er war dabei wie vor sechs Jahren bereits ein Darsteller, der einem ein Gänsehautgefühl verschaffte. Kronthaler darf sich in der langen Reihe der Jesusdarsteller ganz oben eintragen. Am Sonntag konnte er der Rolle sogar noch mehr Dramatik verleihen. So wie die Leistungen der Amateurschauspieler einem durchwegs Hochachtung abrangen. Plattner schweißte sie zusammen. An die 500 Leute wirken an den Passionsspielen mit, mehr als die Hälfte davon auf der Bühne. Vom Greis bis zum Kleinkind trifft man sich bei den Aufführungen. Und jeder von ihnen wusste an diesem Tag genau, wo sein Platz ist, wie sein Text lautet. Selbst die kleinsten Darsteller auf der Bühne schienen sich ihrer Aufgabe bewusst.

Plattner weiß auch diese Schauspielerschar zu nutzen und zu eindrucksvollen, stimmungsvollen Bildern zusammenzuscharen. Er baut auf Symbolik, erreicht damit auch, allfällige sprachliche Schwächen seiner Erler zu umschiffen.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Felix Mitterer gab Plattner für dessen fulminante Inszenierung das Rüstzeug. Die Textfassung des großen Tiroler Autors aus dem Jahre 2013 lässt so manche Kirchenkritik durchhören: Jesus bezeichnet Maria Magdalena als seine Apostelin unter den Aposteln, ermuntert sie, seinen Glauben weiterzutragen, und sagt ihr dafür Schwierigkeiten vorher, weil sie eine Frau ist. Der Messias hat auch Visionen, wie im Namen seiner Religion Menschen sterben, wie sein Wort missbraucht wird. Mitterer brauchte nicht lange zu suchen, um dafür reale Beispiele als Inspiration zu finden.

Worte alleine wären aber viel zu wenig, um den erfolgreichen Mix auszumachen. Da ist das stimmungsvolle Bühnenbild von Annelie Büchner, das durch das meisterhafte Lichtdesign von Ralf Wapler trotz seiner Klarheit eine erstaunliche Wandelbarkeit erlebt. Auch Lenka Radeckys ideenreiche Kostüme tragen genauso zum Gesamterfolg bei wie die dramatische Musik von Wolfram Wagner, die der musikalische Leiter Drummond Walker mit Chor und Orchestermusikern bestens umsetzt. Alles das vermag der Regisseur zusammenzuführen und mit einer starken Bildsprache zu einem ausdrucksvollen Spiel zu gestalten. Aber eines änderte er trotz aller Neuerungen nicht: Am Ende stehen alle auf, um „Großer Gott wir loben dich“ zu singen. Denn am Ende steht in Erl der Anfang. Auch für einen neuen Typus der Passion.

Gespielt wird bis 5. Oktober, meistens samstags und sonntags ab 13 Uhr. Infos und Karten unter www.passionsspiele.at oder 05373/8139.