Letztes Update am Mo, 27.05.2019 06:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Innsbruck

„Musik im Riesen“: Klang und Rausch der Romantik

„Musik im Riesen“ im Congress: das City of Birmingham Symphony Orchestra unter Mirga Gražinyte-Tyla mit Starpianistin Yuja Wang.

Die 32-jährige Pianistin Yuja Wang ist derzeit eine der gefragtesten Virtuosinnen der Szene.

© Swarovski KristallweltenDie 32-jährige Pianistin Yuja Wang ist derzeit eine der gefragtesten Virtuosinnen der Szene.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Zwei junge, international gehypte Topstars mit prominentem britischen Riesenorchester und vorwiegend symphonisch-romantischem Programm, das klingt nach großstädtischem Meisterkonzertzyklus. Begab sich im Innsbrucker Congress mit dem dafür ungewöhnlichen Hintergrund des Wattener Swarovski-Festivals „Musik im Riesen“. Wo sich bekanntlich auch große Namen der Musikwelt einfinden, aber hauptsächlich zu intimen Festen außergewöhnlich programmierter Kammermusik.

Die Chinesin Yuja Wang, mit europäischer Musik aufgewachsen und seit Teenagertagen selbstständig in den USA, inzwischen 32-jährig in New York zu Hause, gehört derzeit zu den gefeiertsten Virtuosinnen der Szene. Im Laufe der Karriere hat nun ihr pianistischer Ruf jenen der modischen Exzentrikerin überholt. Dem PR-Getöse widerspricht auch ihr einfaches, selbst nach der dritten Zugabe – einer hochvirtuosen „Carmen“-Paraphrase – keineswegs im Publikumsjubel badendes Auftreten.

Mit Robert Schumanns a-Moll-Klavierkonzert op. 54 hat Yuja Wang ein Werk ihrem Repertoire hinzugefügt, das es nicht enthusiastisch zu donnern, sondern mit Nuancen und Feinsinn zu erfüllen gilt. Sie geht mit Anmut hinein, behält die Leichtigkeit auch in den Akkordwiederholungen, den Steigerungen und der Oktavarchitektur. Mit spielerischem Anschlag sucht sie den Klang, ist ein sensibler Dialogpartner, etwa im ersten Satz mit der Klarinette, und tauscht ihre artistische Pianistik gegen Besonnenheit. Dass Yuja Wang, an sich selbst gemessen, an dem vor allem musikalisch schwierigen Schumann-Konzert wächst, ist evident. Dass ihr lyrisches Vermögen ausbaufähig ist, ebenso.

Mirga Gražinyte-Tyla wurde im Februar 2016 zur Musikdirektorin des berühmten City of Birmingham Symphony Orchestra ernannt, mit dem sie in Innsbruck Yuja Wang durch Schumanns Werk geleitete. Die gebürtige Litauerin und auch ausgebildete Chorleiterin ist weltweit gefragt, eine geflügelte Dirigentin klarer Autorität, die sich mit großen, weichen, sicheren Gesten verständlich macht. Das mit acht Kontrabässen überreich besetzte Orchester trumpfte mit Johannes Brahms’ Zweiter Symphonie eigenwillig auf, mit geschärften Phrasen, weit ausschwingenden Melodien und energischen Aufschwüngen. Die Streicherfülle klang wie ein dichter Mischwald in Wind und Regen, allerdings konnte sie auch zur Feinzeichnung bewogen werden, um den sich deutlich durchsetzenden Bläsern Raum zu geben.

Die logische Linie Schumann – Brahms (Pianistin Clara Schumann war indirekt mit dabei) leitete die beeindruckende Mirga Gražinyte-Tyla ein mit dem oberflächlich gut „verständlichen“, weil volksmusiknahen, Concert Romanesc (1951) von György Ligeti, mit dem der Komponist im kommunistischen Ungarn der staatlichen Auflage eines Sozialistischen Realismus ausgewichen ist.