Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 28.05.2019


Oper

“Alceste“ in München: Trotz viel Bewegung ist wenig los

Christoph Willibald Glucks „Alceste“ gerät an der Bayerischen Staatsoper in München zum Geduldsspiel.

In der Mittellage kräftig und klar, in den Höhen klirrt es gewaltig: Dorothea Röschmann als Alceste.

© Wilfried HöslIn der Mittellage kräftig und klar, in den Höhen klirrt es gewaltig: Dorothea Röschmann als Alceste.



Von Jörn Florian Fuchs

München – Die Vorzeichen standen gut. Man nehme ein beliebtes Werk voll toller Melodien, bewegender Chöre und starker Ballettmusiken, beauftrage einen Weltklasse-Choreographen mit der Regie und füge einen vielgelobten Dirigenten hinzu. Doch im Münchner Nationaltheater wurde aus Christoph Willibald Glucks „Alceste“ eine ziemlich flaue Geduldsprobe. Das liegt vor allem an Antonello Manacorda, den man öfter am Revers packen möchte, um ihn aus seinem zwischen expressiv verhetzter Rhythmik und seltsam gedehnten, gedimmten Stellen zusammengestückelten Dirigat zu reißen.

Was war da los? Anfangs dachte man noch, Manacorda wollte eine spannende Mischung aus historisch informierter Aufführungspraxis und seiner eigenen modernen Interpretation schaffen, doch wenn das Orchester regelmäßig den Chor und auch manche Solisten abhängt, wenn völlig unvermittelt gebremst und beschleunigt wird, klingt das Ergebnis schlicht schlecht.

Der flämische Tanz-Star Sidi Larbi Cherkaoui hingegen hält die Mitglieder seiner sensationellen Compagnie Eastman auf Trab. In wunderbar organischen Bewegungen entstehen immer neue Tableaus, berückende Soli fließen in nuanciert gestaltete Tutti, einmal gibt es sogar echten Breakdance. Das ist die Stelle im Stück, an der alle froh sind, weil König Admète vermeintlich gerettet ist, da sich jemand gefunden hat, der für ihn in den Tod geht. Letzteres forderten die Götter. Doch dieser Jemand ist Admètes Gattin Alceste. Als dies bekannt wird, freut sich natürlich niemand mehr. Ein mehrfaches „Ich will sterben“, „Nein“, „Doch“. Später rettet Halbgott Hercules die Situation und die Vollgötter haben Einsicht.

Cherkaoui erzählt diese Geschichte in klaren Bildern, die Tänzer sind aber meist nur Begleitmusik. Sie transportieren kaum Inhaltliches, erweitern oder kommentieren nichts. Ein virtuoses, unermüdliches Ensemble sieht man da, das einen jedoch im Laufe der dreistündigen Aufführung arg ermüdet – zu viel Bewegung, zu wenig Sinn dahinter.

Kaum Sinnlichkeit verströmt leider auch Dorothea Röschmann in der Titelrolle. In einem gelben Kleid steht sie meist herum und wirkt nicht sehr verzweifelt oder verliebt oder sonst wie. Sitzengelassen in der Pampa, wartet sie auf ihren Geliebten – oder vielleicht auch nur auf den nächsten Bus. Stimmlich ist das eine Grenzpartie für Röschmann, ihre Mittellage ist kräftig und klar, in den Höhen klirrt es gewaltig. Charles Castronovo als Admète ist technisch gut, enttäuscht aber durch eher monotones Timbre. Herausragend Michael Nagy als Oberpriester und Hercules sowie Anna El-Khashem als eine der Choryphées.

Das Bühnenbild besteht aus einem großen Raum mit schmutzigen Wänden und ein paar Podien, die Kostüme sind zeitlos, durch bunte Kopfbedeckungen und Gewänder sollen manche Figuren wohl multikulturell wirken. Dass Gluck einst die Gattung Oper erfolgreich reformiert hat, hört und sieht man dieser Aufführung nicht an.