Letztes Update am Fr, 07.06.2019 09:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Theater

Kay Voges wird neuer Direktor des Wiener Volkstheaters

In ersten Überlegungen zum Programm kündigte der 47-jährige Theatermann ein „niederschwelliges Theater“ und eine „Factory für Theaterkunst in ästhetischer und politischer Auseinandersetzung mit der Gegenwart“ an. Mit einer „Endzeit-Oper“ unter dem Titel „Dies irae – Tag des Zorns“ feiert er im Dezember sein Wien-Debüt.

Kay Voges will den Bereich Performing Arts und Musik am Volkstheater ausbauen.

© imagoKay Voges will den Bereich Performing Arts und Musik am Volkstheater ausbauen.



Wien – Kay Voges, seit 2010 Intendant des Schauspiel Dortmund, wird neuer Direktor des Wiener Volkstheaters. Das gaben Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) und die Vorständin der Volkstheater Privatstiftung Judit Havasi am Freitagvormittag bekannt.

Der 47-jährige Theatermann kündigte in ersten programmatischen Überlegungen ein „niederschwelliges Theater“ und eine „Factory für Theaterkunst in ästhetischer und politischer Auseinandersetzung mit der Gegenwart“ an. „Das Zentrum des Hauses wird ein Ensemble sein. Ich möchte gern das Ensemble vergrößern.“ Daneben soll auch der Bereich Performing Arts und der Bereich Musik eine wichtige Rolle spielen. „Die Digitalisierung wird für mich eine wichtige Rolle spielen.“

Theatermann mit Faible für das Digitale

„Der digitale Zauberlehrling“ nannte im Vorjahr das Fachblatt Theater heute ein Porträt von Kay Voges. Der 47-Jährige gilt als einer jener Theaterleute, die neue Technologien für ihre Arbeit nutzen wollen, statt sich der rasanten Digitalisierung zu verweigern. Ob er dafür am Volkstheater Wien genügend Mittel zur Verfügung haben wird, bleibt abzuwarten.

Immerhin scheint sich mit seiner Berufung eine unerwartete Kontinuität abzuzeichnen, beschäftigte sich die derzeit noch von Anna Badora geleitete Bühne eben in zahlreichen Aktivitäten und internationalen Vernetzungsprojekten mit den „#digitalnatives19“, den jungen, technikaffinen Leuten von heute. „Das ist wie eine andere Spezies. Deren Gehirn funktioniert einfach anders!“, stellte Badora verblüfft fest. Virtual Reality Shows zu „The Art of immersive Storytelling“ sollten nicht die neuen Techniken als Köder für ein neues Publikum einsetzen, sondern die Adaptionsfähigkeit des die Menschheit seit Jahrtausenden mitprägenden Mediums Theater unter Beweis stellen. Etwas, was Kay Voges etwa im Vorjahr mit seiner „Parallelwelt“, einer mit Glasfaserkabel ermöglichten simultanen Inszenierung am Schauspiel Dortmund und am Berliner Ensemble, gelang.

Und doch ist der am 14. Mai 1972 in Düsseldorf geborene Kay Voges nicht nur einfach schlicht zu alt für einen digital Native. Auch sonst weist ihn seine frühe Biografie nicht gerade als Technik-Freak aus. Einer Ausbildung zum Heimerzieher folgte eine mehrjährige Tätigkeit als Filmvorführer in Krefeld und ein Soziologiestudium in Duisburg, ehe er mit 25 als Regieassistent in Oberhausen begann, wo er bald Hausregisseur und Leiter der Studiobühne wurde.

Von Frankfurt bis Berlin, von Stuttgart bis Dresden

Als freier Regisseur für Schauspiel und Oper begann er eine Karriere, die ihn von Frankfurt bis Berlin und von Stuttgart bis Dresden führte. So richtig durchstarten konnte er jedoch am Schauspiel Dortmund, wo er 2010 Intendant wurde. Das Schauspiel fasst mit der Bühne des Schauspielhauses, dem Studio und kleinen Nebenbühnen knapp 600 Zuschauer – um 250 Plätze weniger als das Volkstheater Wien. In Dortmund konnte er seine Vorstellungen eines innovativen, angriffigen, zeitgemäßen Theaters in hohem Maße verwirklichen und bezog immer wieder auch Film und Video in seine Theaterarbeit mit ein.

Dortmund galt bald als das „führende deutschsprachige Theaterlabor“ (Die Welt). Seine absolute Leidenschaft in der Verfolgung seiner Ziele wird ebenso gerühmt wie kritisiert. Er fordert und motiviert gleichermaßen. Einen eitlen Ego-Trip nennen die einen seine Kunst- und Theaterpraxis, eine rastlose, selbstausbeuterische Suche die anderen. Während die überregionale Kritik vermehrt anreiste, blieb das lokale Publikum immer häufiger aus.

Zu Voges‘ wichtigsten früheren Arbeiten zählen u.a. „Einige Nachrichten an das All“ von Wolfram Lotz und Thomas Vinterbergs „Das Fest“. Zum NRW-Theatertreffen und zum Heidelberger Stückemarkt wurde er immer wieder eingeladen, mit „Die Borderline Prozession - Ein Loop um das, was uns trennt“ schaffte er es 2017 erstmals auch zum Berliner Theatertreffen. Seine Loop-Ästhetik, bei der in Live-Regie aus vorgefertigten Versatzstücken der Abend erst gemixt wird, gilt als innovativ und zeitgemäß.

Noch ehe der verheiratete Vater zweier bereits am Theater mitarbeitender Söhne am Volkstheater antritt, wird er übrigens sein Wien-Debüt beim großen Bruder am Ring geben: Am Burgtheater soll er im Dezember eine „Endzeit-Oper“ unter dem Titel „Dies irae – Tag des Zorns“ realisieren. Mit dem dafür zuständigen neuen Burgtheater-Dramaturgen Alexander Kerlin verbinden ihn bereits einige erfolgreiche Projekte. Gut möglich, dass Kerlin zu ihm an das Volkstheater wechselt. Eine der bisherigen gemeinsamen Arbeiten hieß übrigens „Das Goldene Zeitalter“. Auch für das Volkstheater bricht ein neues Zeitalter an. Wie es später einmal genannt werden wird, ist noch nicht abzusehen. Computer-Tastaturen haben jedenfalls sowohl Enter- als auch Escape-Tasten. (APA)


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